"Was nützen mir die Farben, wenn ich nicht weiß, was ich malen soll?" (Michel de Montaigne)




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 Der "Stellenwert" verschiedener Malmedien. 
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Beitrag  Der "Stellenwert" verschiedener Malmedien.
Hallo,
Ich finde es wirklich sehr schade,das bei 95% aller Laien die Meinung existiert Ölmalerei sei das schwerste was es in der Kunst gäbe,und Aquarelle werden irgendwie gar nicht als Vollwertiges Gemälde eingstuft,sondern meinstens in der Kategorie "Aquarelle und Zeichnungen".Auch können sich viele unter Aquarell nichts vorstellen,und wenn mann ihnen es dann beschreibt,hört mann oft das die Leute an Deckfarben aus der Kunsterziehung denken.

Es gibt auch (von Dürer mal abgesehen,und der war ja kein "richtiger" ) so gut wie keine bekannten Aquarellisten

Ich finde vom erlernen des "Handwerks" ist Aquarell die absolut schwierigste Maltechnik,die am wenigsten "gewürdigt" wird.

Ich habe mir mal gedanken darüber gemacht,und bin zu dem Ergebniss gekommen das es vieleicht daran liegt das (im Mittelalter) es viel schwieriger war Arabisches Gummi,zb aus dem Sudan nach Europa zu kriegen,Sonnenblumen und Leinöl als Bindemittel war viel leichter erhältlich.Der 2.te Grund könnte die Herstellung,die Verfügbarkeit und der Preis von Auqarellpapieren sein.Die Papierproduktion in Europa hat ja erst im 15. Jahrhundert begonnen,und mann hat mit sicherheit selbst im 16. Jahrhundert nicht überall gutes Papier kaufen können.Eine Leinwand hingegen benötigt nur gewebten Leinenstoff,das konnte mann in jedem Dorf bekommen.Ein Ölbild kann korrigiert und mehrmals neugrundiert bzw übermalt werden.Dazu kommt das gute Künstleraquarellfarbe praktisch erst mit der Entdeckung des Glycerins und seiner Verwendung in den Farben von Winsor&Newton 1830 ca begann.
Josef Horadam hat 1891 erstmals gute Aquarellfarbe in Deutschland hergestellt.
Es ist also,in der heutigen Qualität, für Maler noch nicht lange erhältlich.
Die ganzen tollen Pigmente,die sich fürs Aquarellieren eignen,und die wir heute haben,basieren auf der modernen(eren) Chemie.Die Ganzen Kadmium,Kobalt,Chrom,Pthalo,Azo und andere Pigmente gab es damals nicht,und viele andere zb Sepia waren alles andere als Lichtecht.
Ich glaube,die älteste,noch heute gebräuchliche Farbe mit Orginalpigment ist Berliner Blau aus dem Jahre 1704.Weil es für die Preußischen Uniformen benötigt wurde,nannte mann es von da an überwiegend "Preußisch Blau".
Vieleicht ist dies der Grund,das zb selbt Turner eigentlich nur Aquarelle gemalt hat,um vor Ort Skizzen anzulegen,die er dann im Studio in Öl gemalt hat.
Was denkt ihr darüber?

Nach oben 03.12.2008, 12:19 Nach unten

Beitrag  Re: Der "Stellenwert" verschiedener Malmedien.
Also da muss ich Dir irgendwie recht geben: Aquarelle werden von Laien meistens nur belächelt. Zitat aus einem Gespräch mit einem Bekannten:"Ach Du malst? Is ja toll. Was malst Du denn?" "Aquarelle." "Ach, Wasserfarben - wie nett..." (dabei bekommt das Gesicht eine abschätzig, mitleidige Miene). Aber so geht mir das meistens. Erst wenn man dann den Unterschied erklärt und mal ein paar Bilder zeigt, wird die Miene wieder etwas respektvoller. Aber ich glaube dennoch, dass viele einfach nicht wissen, wieviel Wissen und Können dahintersteckt.

Es fängt ja schon beim Weiß an: in der Regel wird im Aquarell weiß ja nicht als Farbe eingesetzt, sondern es wird nur das Papierweiß genommen. Bei Öl und Acryl und auch Tempera oder sogar Guache kann man ja immer wieder auch mit hellen Farben über dunklere Farben drüber malen. Die Leichtigkeit kriegt man mit deckenden Farben gar nicht so hin, wie das mit Aquarell möglich ist.

Andererseits gibt es auch viele Laien, die ein bisschen was vom Medium verstehen und dann total geschockt sind, wenn sie meine Bilder sehen. Ich arbeite eher mit sehr kräftigen Farben im Aquarell, so dass man auch leicht denken kann, es sind Acrylbilder. Die meisten Leute kennen Aquarelle nur als zarte, pastellige Bilder - und so hat bitteschön auch jedes Aquarell zu sein, welches den Namen Aquarell verdienen will. :roll: Da werde ich (bzw. meine Bilder) dann wieder abschätzig angeschaut und in eine gedankliche Ablage geschoben.

Ich hab also schon diese beiden Seiten erlebt und bin jedesmal wieder verletzt und auch ein wenig wütend, weil viele Leute doch so engstirnig und mit Scheuklappen durch die Welt gehen. Letztlich ist es doch egal in welcher Technik ein Bild gemalt wurde oder wie die Technik variiert wurde für ein Bild - was zählt ist doch am Ende nur, ob es gefällt oder nicht. Und viele Laien haben da wohl offensichtlich so ihre Probleme damit.

Allerdings bekomme ich zu meinen Bildern in der Regel zu 95% positive Resonanz. Auch wenn die Leute vielleicht keine Bilder von mir kaufen, so stehen sie dennoch davor und lassen sich positiv darüber aus. Das wiegt dann schon fast die 5% "Ignoranten"-Kritik wieder auf... :rofl: :mrgreen:

Deine Theorie, Weedburner, zu der Geschichte der Aquarellmalerei, klingt jedoch sehr plausibel und einleuchtend. Wahrscheinlich wird es so gewesen sein. Es kann auch sein, dass viele einfach dieser noch "jungen" Maltechnik einfach noch zu kritisch gegenüberstehen. Ein Kunstwerk muss halt in Öl gemalt sein. Punkt. Alles andere ist keine Kunst. Es gibt wirklich Leute, die so denken.
Mir persönlich kommt es lediglich auf das Gefallen an. Mir gefallen einige berühmte Ölbilder, aber auch viele Aquarelle von namhaften Künstlern, die ich liebe. Übrigens: es gibt recht viele bekannte Aquarellisten. Dank Wikipedia hab ich hier mal ne Auflistung derer:
* Albrecht Dürer (1471–1528)
* Thomas Gainsborough (1727–1788)
* William Blake (1757–1827)
* Caspar David Friedrich (1774–1840)
* William Turner (1775–1851)
* John Gilbert (1817–1897)
* Eugène Delacroix (1798–1863)
* Paul Cézanne (1829–1906)
* Paul Gauguin (1848–1903)
* Carl Larsson (1853–1919)
* Lovis Corinth (1858–1925)
* Wassily Kandinsky (1866–1944)
* Emil Nolde (1867–1956)
* Paul Klee (1879–1940)
* August Macke (1887–1914)
* Heinrich Neuy (1911–2003)
* Clemsi Berat ( 1996-1674 )
* Julius Bissier (1893-1965)
* Edward Burra (1905-1976)
* Egon Schiele (1890-1918)
* Rudolf Schmidt-Dethloff (1900-1971)

Na? Sind doch einige bekannte "Gesichter" darunter, oder? :wink: Auch wenn die meisten von ihnen sicherlich nicht nur Aquarelle gemalt haben...

Ach und übrigens: Das Malen mit wasserlöslichen Farben an sich ist eigentlich schon uralt! Die Höhlenmalereien der Steinzeitmenschen basieren alle auf Pigmenten, die in Wasser gelöst wurden! Nur mit den heutigen Pigmenten, die chemisch hergestellt werden, ist die Aquarellmalerei recht jung. Aber selbst die alten Chinesen haben ihre Papiere (das Papier wurde von den Chinesen erfunden) eigentlich ausschließlich mit Wasserfarben/Aquarellfarben bemalt. Neben der Tusche waren Aquarellfarben jahrhundertelang/jahrtausendelang das einzigste Malmedium. Das sollte man nicht vergessen!

LG,
Midge

Nach oben 04.12.2008, 21:07 Nach unten

Beitrag  Re: Der "Stellenwert" verschiedener Malmedien.
Ich denke die Lichtechtheit war auch bedeutend,ich habe es ja oben schon mal angedeutet.
Bei zb echten Sepia (also Tintenfischtinte) kann mann ja praktisch zuschauen wie es verblasst.
Aquarelle sind nunmal die am lichtempfindlichsten Kunstwerke.Eben weil der Auftrag der Farben so dünn ist.Das ist heute so,und war mit Sicherheit damals,mit den extrem lichtempfindlichen Aquarellpigmenten noch viel schlimmer.

Und viele der historischen Aquarellfarben waren sehr lichtempfindlich,mir fallen da zb die Beispiele Saftgrün (wurde aus Beerensaft gewonnen),Sepia (Tintenfischtinte),Indischgelb (Kuhpisse [kein Scherz,Kühe mussten Mangoblätter essen und haben kaum was zu trinken gekriegt,in ihren vielen Mägen hat die Kuh die Mangoblätter dann umgewandelt und wenn sie es dann ausscheidet,wurde die "Suppe" dann eingekocht,fertig war das Indischgelb] ein,und auch viele andere historische Aquarellpigmente waren sehr lichtempfindlich.Auch viele Rottöne waren damals äußerst Lichtempfindlich,oder sehr teuer (zb Karmin,das aus einer Läuseart,der Cochenile-Laus,gewonnen wurde)

Nach oben 05.12.2008, 16:51 Nach unten

PC

Beitrag  Re: Der "Stellenwert" verschiedener Malmedien.
Da ist was dran - Dank Euch beiden für die bisherigen Beiträge, hab schon viel gelernt!

Ich kann mir auch vorstellen, dass Aquarelle als "Wasserfarben" dadurch in der Ansicht vieler degradiert werden, da man damit schon in der Kindheit in Kindergarten und Schule massiv in Kontakt gerät. Fast jeder hatte auch zuhause schonmal einen eigenen Wasserfarbkasten und konnte damit recht schnell hübsche bunte Bilder auf's Papier bringen. Wäre es umgekehrt, also wären Wasserfarben unbekannter und kostspieliger in der Anschaffung, und würde man in früher Kindheit statt desen permanent mit echten Ölfarben auf Leinwand rumpanschen, dann wäre der Stellenwert in der Gesellschaft sicherlich auch etwas verschoben.

Nach oben 05.12.2008, 20:10 Nach unten

Beitrag  Re: Der "Stellenwert" verschiedener Malmedien.
Das sehe ich komplett anders!
Soviel ich weiß, wird grade Ölmalen bzw. Acrylmalen als leichtere Variante eingestuft, Aquarelle gelten hier im oberösterreichischen Raum, wo ich seit über 22 Jahren male, als Königsdisziplin, allerdings müssen es gute Bilder sein. Denn eben weil man bei Aquarell kein Weiß nehmen sollte (wer bestimmt überhaupt was man nehmen soll oder nicht?), das Weiß allein durch freilassen des Papieres erzielen sollte.
Mit Acrylbildern, mögen sie noch so gut sein, locke ich hier niemanden hinter dem Ofen hervor, dagegen mit Aquarellen allemal.
Mir ging es auch schon öfters so, man kommt ins Gespräch, erwähnt dass man malt, es wird zur Kenntnis genommen, sieht der/diejenige dann irgend etwas von den Bildern, kommt immer ein "ja, sie können ja wirklich malen..."
Nicht schlecht ist, wenn man gleiche Motive in verschiedenen Techniken malt, so kann - so ferne man beurteilt werden möchte - man von Betrachtern Meinungen einholen. Ich mache mir deswegen keinen Kopf, ob es mehr oder weniger Wert hat, was ich an Material verwende. Wenn ich male drücke ich etwas aus, darauf kommt es mir an, nicht was mehr oder weniger Wertvoll in den Augen einiger Leute ist, die ohnehin nicht wissen, was was ist, nur nachplappern was sie gehört oder gelesen haben. :zeichnen: :wandmaler: :maler4: :maler3: :maler2: :maler: :palette:

Nach oben 10.12.2008, 11:37 Nach unten

Beitrag  Re: Der "Stellenwert" verschiedener Malmedien.
Ja, ich denke auch, dass es ein speziell deutsches Problem ist, dass nur das wert geschätzt wird, was auf möglichst großer Leinwand gepinselt wurde. Aquarelle und Zeichnungen werden dagegen erst mal als Hausfrauenkunst (allein der Begriff sagt schon alles) abgewertet. Hat möglicherweise auch was damit zu tun, dass zeichnen und aquarellieren lange zur Standardausbildung mittlerer und höherer Töchter gehörte. Obwohl es diese Mädchen und Frauen teilweise zu echter Meisterschaft brachten, fanden sie hierzulande dennoch kaum Anerkennung.

In anderen Ländern (nicht nur in Österreich) ist das tatsächlich nicht so. Vor allem in den angelsächsischen Ländern standen und stehen Aquarell und Buntstiftzeichnung hoch im Kurs.

Nach oben 10.12.2008, 15:08 Nach unten

Pastell, Aquarell, Öl

Beitrag  Re: Der "Stellenwert" verschiedener Malmedien.
pizza hat geschrieben:
In anderen Ländern (nicht nur in Österreich) ist das tatsächlich nicht so. Vor allem in den angelsächsischen Ländern standen und stehen Aquarell und Buntstiftzeichnung hoch im Kurs.


Ebenso wie Pastell - da bekommt man in Deutschland kaum gescheite Kurse angeboten, während es in den USA phantastische Möglichkeiten gibt.

Nach oben 10.12.2008, 15:42 Nach unten

PC

Beitrag  Re: Der "Stellenwert" verschiedener Malmedien.
pizza hat geschrieben:
Ja, ich denke auch, dass es ein speziell deutsches Problem ist


Da scheint was dran zu sein - interessant, das war mir bisher noch nicht so bewusst :idea:

Nach oben 10.12.2008, 16:03 Nach unten

Beitrag  Re: Der "Stellenwert" verschiedener Malmedien.
Richtig Lucie!
Pastellkurse sind hier noch eher unbekannt, kommen aber langsam. Meine liebe Freundin Erika Just bietet ab nächsten Jahre einen Pastellportraitkurs an, sie beherrscht es bestens, hat in Houston /Texas gelernt, aber alles was es an Techniken zu lernen gab. Ich hänge unten ihre Portraitbilder HP Seite an, dann könnt Ihr eventuell gucken.
Schade eigentlich, dass das in Deutschland anders zu sein scheint, mit der Wertigkeit einzelner Techniken, denn es kommt doch auf das Gemalte an, nicht auf die Technik, wenn mir was gefällt, gefällt es mir, egal wie es zustande kam.

http://www.erikajust.at/gallerie/main.php?g2_itemId=84

Nach oben 10.12.2008, 16:59 Nach unten
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