"Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche, sie ist Kühnheit und Erfindung." (Eugène Ionesco)




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 Das Dilemma des "perfekten" Bildes 
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Beitrag  Re: Das Dilemma des "perfekten" Bildes
Ich empfinde das immer als so ein relativ billiges Killerargument. "Ein perfektes Bild hat keine Seele." Ich habe den Ausspruch schon oft gehört, und sehr oft kam er von Leuten, denen die Nase eines sehr guten Künstlers nicht passte (und die vermutlich neidisch waren). So ein bisschen wie Dieter Bohlens "Du hast keinen Ton getroffen". Man nimmt es als fachliches Urteil hin, selbst wenn es objektiv falsch ist.

Das "Seelenlose", was ich (subjektiv) manchmal in Bildern empfinde, die extrem starken Fotorealismus anstreben, entsteht aus meiner Sicht dann, wenn der Künstler eine gewisse handwerkliche Perfektion erreicht hat, darüber aber das aus den Augen verloren hat, was das Bild mit dem Betrachter tun soll. Das hat sehr oft auch mit dem Begriff des "Uncanny Valley" zu tun. Wenn einige Bereiche des Bildes fotorealistisch sind, andere aber nicht, dann ruft das beim Betrachter Unbehagen hervor. (Das Uncanny Valley bezeichnet vor allem im Computerdesign das Prinzip eines menschlichen Gesichts, das kurz vor vollkommen realistisch ist, aber eben nicht ganz, weswegen der Betrachter sich unwohl fühlt. Es ist der Grund, warum Filme wie "Final Fantasy" und "Der Polarexpress" gefloppt sind.)

Was das Killerargument mit der fehlenden Seele aber verkennt: Jemand, der diese handwerkliche Perfektion erreicht hat, aber trotzdem ein Bild produziert, das dem Betrachter wenig gibt, der wird durch noch mehr Perfektion nicht schlechter. Im Gegenteil. Arbeitet er weiter am Realismus, schärft er Auge und Wahrnehmung, dann fällt es ihm später viel leichter, Bildelemente besser zu gruppieren, und in Randbereichen des Bildes auch Dinge nur anzudeuten statt sie zu überrendern, und auf einmal steckt das Bild wieder voller Leben.

Als Beispiel für "Über-Rendering" habe ich hier mal ein Bild von mir angehängt, das ich vor 10 Jahren gemalt habe. Das war in der Phase, wo ich glaubte, digital malen zu müssen, wie alle großen Concept Artists. Ich habe Stunden an einzelnen Quadratzentimetern gesessen, gelöscht, übergemalt, gelöscht, übergemalt, bis ich komplett den Überblick verloren und das Bild restlos gekillt hatte. Der Pferdekopf hier - der ging schnell. Der sieht auch noch ganz gut aus. Der Rest, vor allem das Gesicht des Jungen, ist völlig versumpft. Das passiert mir heute noch mit deckenden Medien.

http://goldseven.de/wp_godspeed_fin.jpg

Dass Perfektionismus kein Killer sein muss, zeigen die Aquarelle (ja, es sind wirklich Aquarelle, ich könnt auch jedes Mal heulen) der Künstlerin Stephanie Law.

http://www.shadowscapes.com/image.php?l ... 8&bid=1275

Oder die tollen "lost edges" in den Bildern von Mattias Snygg. (Um zu zeigen, dass auch Malerei am Computer lebendig und "analog" aussehen kann.)

http://www.mattiassnygg.com/art/sketches/zorn_copy.jpg

Ich glaube, viele Künstler, die Fotorealismus anstreben, laufen irgendwann auf dem "overworked"-Riff auf. Dann kann man einen Schritt zurückmachen. (Das war für mich die Lösung, hin zu mehr Stilisierung, und hin zu Aquarell, mit dem ich, im Gegensatz zu deckenden Medien, rechtzeitig stoppen kann, bevor ich ein Bild kille. Meistens.) Oder man pflügt durch und wird dann richtig gut.

Nach oben 10.03.2016, 21:35 Nach unten
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