"Es ist absolut belanglos, wie man malt - Hauptsache man kommt ans Ziel." (Georg Baselitz)




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 Abstraktion und Abstrahierung 
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PC

Beitrag  Abstraktion und Abstrahierung
Hallo zusammen,

da es des öfteren zu Nachfragen kommt, wo denn in der Kunst "Abstraktheit" beginnt und Gegenständlichkeit aufhört, soll dieses Thema zu etwas mehr begrifflicher Klarheit beitragen.

Denn wenn man es ganz genau und wortwörtlich betrachtet, gibt es in der Kunst so gut wie kein einziges Werk, das nicht in irgendeiner Weise "abstrakt" ist. Die Abstraktion ist allgemein definiert als eine Reduktion auf das Wesentliche eines Motivs - was jedoch "wesentlich" ist, ist allgemein unbestimmt und jeweils individuell bemessbar. Selbst der Fotorealismus, der anstrebt die optische Realität eins zu eins wie ein Foto abzubilden, weist stets auch Merkmale einer Abstraktion auf. Das merkt man spätestens, wenn man Teilbereiche mit einer Lupe vergrößert: minimale Details wurden weggelassen und das Abbild auf das vermeintlich "Wesentliche" reduziert, also "abstrahiert". Man unterscheidet daher zusätzlich unterschiedliche Abstraktions-Grade, die sich aus dem Verlauf vom maximal-denkbaren Detail-Grad bis hin zu einer totalen Farb- und Form-Reduktion erstreckt, bei der das ursprüngliche Motiv nicht oder kaum mehr als solches erkennbar ist. Da dies naturgemäß ebenso wenig einheitlich wie praktikabel ist, hat man das im Kunstbereich speziell deklariert:

Während die "Abstraktion" allgemeinsprachlich wie oben skizziert einen unbestimmten fließenden Übergang von gegenständlich zu ungegenständlich bezeichnet, und damit schwer klassifizierbar ist, spricht man daher in der Kunstwelt weitestgehend von

- "abstrakten Werken" bei gänzlich ungegenständlichen Motiven,

während

- "abstrahierte Bilder" im Detailgrad deutlich reduzierte Gegenstandsmotive bezeichnen.


Nun wird gelegentlich gefragt, warum man dann den Begriff der Abstraktion überhaupt benötigt? Man könnte das doch auch nur noch mit "gegenständlich" und "gegenstandslos" klassifizieren?

Es gibt als Beispiel eine Bandbreite an Werken, die zwar als gegenstandslos, aber auch nicht als naheliegend abstrakt gelten. Deutlich wird dies z.B. bei typografischen und symbolischen Motiven. Diese gelten zumeist als gegenstandslos, auch wenn ihnen oftmals eine lange historische Reduktions-Historie realer Motive vorausging. Heutige Schriftzeichen sind in aller Regel ursprünglich einmal Keilschriften gewesen, die wiederum reduzierte Gegenstände als Vorlage hatten (siehe z.B. Ägyptische Bildsprache). Genaugenommen sind Schriften daher typische Abstraktionsbeispiele, die allerdings im allgemeinen Einsatz bei Kunstwerken keine nennenswerte abstrakte Bedeutung haben. Salopp gesagt spielt der Abstraktions-Aspekt dabei keine nennenswerte Rolle, weil der Grund ihres Einsatzes in einem Kunstwerk ein vollkommen anderer ist. Als Extrembeispiel würde wohl kein Mensch auf die Idee kommen, ein geschriebenes Buch als "abstrakte Kunst" zu bezeichnen, nur weil die jeweiligen typografischen Schriftelemente irgendwann einmal eine gegenständliche Bedeutung hatten. Ebenso wird dies bei Symbolen sehr deutlich: Ein Violin-Schlüssel Bild wird symbolisch eher für Musik stehen, aber kaum jemand würde darin hauptsächlich eine Reduktion Abwandlung des ursprünglichen "G"-Buchstabens wahrnehmen, der wiederum aus einem "C" entstand, was ursprünglich mal eine reduzierte Abbildung eines gegenständlichen Fußes darstellte.

Kurz: Der Begriff der "Abstraktion" ist schwer einheitlich zu fassen und kaum als Norm-Begriff anzuwenden.

Diese Problematik zieht sich durch die gesamte Kunstgeschichte:

Um 1903 herum begann eine große Wende in der Kunst. Malerei und Plastik entfernten sich zusehends von der sichtbaren Wirklichkeit. Henri Matisse sagte, dass man beim Betrachten eines Bildes völlig vergessen müsse, was es darstelle. Es ist Kunst, die Form, Farbe und Bildgestaltung weitgehende Autonomie von Gegenständlichem zugesteht. Diese Absatzbewegung von der Welt des Sichtbaren wurde Abstraktion genannt. Es geht um die Konzentration auf das Wesentliche, das Notwendige.

Ab 1910 tauchte eine Kunst auf, die den Weg der Abstraktion konsequent weiterführte. Jeder Rest von Darstellung, bildlich oder figürlich, wurde abgelehnt: „Ließ sich eine solche – offensichtlich völlig unabhängig gewordene – Kunst noch als Extremform der Abstraktion, als integrale oder totale Abstraktion bezeichnen? Lag da nicht etwas grundlegend Neues vor, eine vollständige Autonomie des bildnerischen Gestaltens?“

Wassily Kandinsky stellte fest, die Kunst folge nur noch ihren eigenen, kunstimmanenten Gesetzmäßigkeiten. Es sei eine Kunst der reinen Gegenstandslosigkeit:
„Die neue Kunst hat den Grundsatz in den Vordergrund gestellt, dass Kunst nur sich selbst zum Inhalt haben kann. So finden wir denn in ihr nicht die Idee von irgendetwas, sondern nur die Idee von der Kunst selbst, von ihrem Selbstinhalt. Die ureigene Idee der Kunst ist ihre Gegenstandslosigkeit.“ (Wassily Kandinsky)

Dieser weiterführende Abstraktions-Gedanke mündete dann in der Konkreten Kunst - ein Subgenre der Abstrakten Malerei


Daher spielt die Intention des Künstlers und die jeweilige Bedeutung für ein Kunstwerk die maßgebende Rolle:

Abstrakte Malerei bezeichnet die Tendenz, jeden Bezug zur Gegenständlichkeit zu vermeiden und das Gemalte lediglich auf Form- und Farbklänge und ihre innerbildlichen Bezüge und Gegensätze zu beschränken.

Will man hingegen die künstlerische Reduktion von Gegenständlichkeit betonen, so spricht man von Abstrahierung ("Vorgang der Abstraktion"). Da Abstrahierungen bei der Mehrheit aller Mal- und Zeichenprozesse allgegenwärtig sind (auch Impressionisten abstrahieren), ist dies keine eigene Kunstrichtung bzw. -abgrenzung, sondern eine Betonung des stattgefundenen Abstraktionsprozesses gegenständlicher Motive. Steht also gerade diese Abstrahierung von Gegenständen im Mittelpunkt eines Werkes, oder man möchte dies betonen, dann spricht man von abstrahierten Werken.


Ich hoffe, dass dieses Essay mehr hilft als verwirrt :D. Ziel dieses Themas ist weniger die Begriffs-Diskussion, sondern etwas Klarheit im Begriffs-Dschungel zu schaffen. Da ich selbst kein Fachmann bin bitte ich ggf. um fachkundige Korrekturen und hilfreiche Ergänzungen. :winken:

Nach oben 04.07.2012, 16:00 Nach unten

Beitrag  Re: Abstraktion und Abstrahierung
Vielen Dank Adrian! :grins:

Letzte Woche hatte ich mir schon überlegt ob ich dazu was schreiben soll, aber das Thema ist so umfangreich das eine Kurzfassung extrem schwer fällt!

Es gibt in der Kunstgeschichte zahlreiche Kunststile, die man sicherlich als abstrakte Malerei bezeichnen könnte, jedoch trifft die Bezeichnung bei weitem nicht die Intentionen einzelner Stile, sowie der beteiligten Künstler und schon gar nicht dient dieser Begriff als allgemeines Erklärungsmodell für die verschiedensten Kunstbewegungen seit dem letzten Jahrhundert.

Wie du schon richtig anmerkst kann man den Begriff „abstrakte Malerei“ nur als allgemeine Tendenz definieren, da letztendlich jeder Künstler von diesem Versuch einer Eingrenzung mehr oder weniger abweicht und sich somit einer eindeutigen und allgemeingültigen Definition entzieht.

Wer sich für das Thema interessiert, der müsste sich zuerst einmal eine generelle Übersicht verschaffen welche Entwicklungen und Tendenzen es in der Kunst gegeben hat oder gibt und das kann wahrlich nur ein Standardwerk erfüllen wie z.B. „Malerei im 20. Jahrhundert“ von Werner Haftmann in 2 Bänden.

Suche in einem Online-Shop nach der hinterlegten ISBN von "Malerei im 20. Jahrhundert":
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LG :spanien1:
Andreas

Nach oben 04.07.2012, 20:19 Nach unten

Beitrag  Re: Abstraktion und Abstrahierung
Abstraktion ist laut Wikipedia der Vorgang „des Weglassens von Einzelheiten und des Überführens auf etwas Allgemeineres oder Einfacheres“. Der Violinenschlüssel ist für mich persönlich eher ein verschnörkelter als ein abstrahierter Buchstabe „G“.

Nach oben 04.07.2012, 20:26 Nach unten

PC

Beitrag  Re: Abstraktion und Abstrahierung
Danke Andreas für die Ergänzung und den Literaturhinweis!

Beitrag: Re: Abstraktion und Abstrahierung - 04.07.2012, 20:26 Schnutello hat geschrieben:
Abstraktion ist laut Wikipedia der Vorgang „des Weglassens von Einzelheiten und des Überführens auf etwas Allgemeineres oder Einfacheres“.

Exakt das ist gerade das Problem, da das - wie eingangs ausgeführt - vor allem bei der bildenden Kunst generell der Fall ist.

Beitrag: Re: Abstraktion und Abstrahierung - 04.07.2012, 20:26 Schnutello hat geschrieben:
Der Violinenschlüssel ist für mich persönlich eher ein verschnörkelter als ein abstrahierter Buchstabe „G“.

Ja das ist korrekt, das habe ich oben etwas schlampig formuliert. Der Violinschlüssel, auch "G-Schlüssel" genannt, ging direkt aus dem Buchstaben "G" hervor und wurde nach und nach in Schlüsselform "gestaltet". So gesehen stimmt der Einwand, dass er nicht aus dem Buchstaben "G" abstrahiert wurde; eher ist umgekehrt der Ursprungsbuchstabe wiederum eine mögliche Abstraktion des Violinschlüssels :D.

Das Violinschlüssel-Beispiel ist nur eins von unzähligen Symbol-Beispielen, bei denen die symbolische Bedeutung jeden ursprünglichen Herkunfts-Aspekt erdrückt. Besser und eindrucksvoller ist das durch das Hakenkreuz belegt, oder das Herz als Symbol der Liebe.

Nach oben 04.07.2012, 20:42 Nach unten

Beitrag  Re: Abstraktion und Abstrahierung
Nun, Wikipedia ist diesbezüglich etwas schluderig... beim Begriff "Abstrahierung" wird man direkt nach "Abstraktion" weitergeleitet.
Der Wortstamm (abstrahere = abziehen, trennen) ist der gleiche, bei "Abstraktion" liegt lediglich das Partizip Perfekt Passiv vor. Man könnte also auch die Begriffe "Abziehen" und "Abgezogen" gegenüberstellen. Daher ist meiner Meinung nach das Bild abstrakt, weil man beim Malen abstrahiert hat. "Abstraktion" als Prozess gibt es also meiner Meinung nach nicht, sie ist immer das Ergebnis einer "Abstrahierung". Ich hoffe ich habe mich da verständlich ausgedrückt. ;) Daher kann man Abstraktion auch als "endgültige" Abstrahierung ansehen, was Adrians Definition wohl etwas verständlicher macht.

Nach oben 05.07.2012, 10:31 Nach unten

PC

Beitrag  Re: Abstraktion und Abstrahierung
Hallo Beowulf,

Merci, genau das ist der Punkt. Ich hatte diesen Abstraktions-Prozess als "Abstrahierung" bei der Begriffsdarlegung oben in Klammern als "Vorgang der Abstraktion" abgekürzt.

Das ist vergleichbar mit anderen Begriffen wie "Fokus" und "Fokussierung":

- Fokussierung ist der Vorgang/Prozess, der einen Fokus zum Ziel hat. In aller Regel geht die Fokussierung dem Fokus voraus, allerdings kann auch etwas in den Fokus geraten, ohne dass man dabei aktiv fokussiert :wink:

Gleichfalls ist die "Abstrahierung" der (beabsichtigte oder systematische) Vorgang zu einer Abstraktion. Man kann in der Kunst auch abstrakt malen, ohne dabei zu abstrahieren (z.B. reine Farb- und Form-Gestaltung ohne gegenständlichen Bezug). Ebenso kann man so stark abstrahieren, dass man zwischen einer Abstraktion mit und ohne vorherigem Abstrahierungs-Prozess anschließend nicht mehr unterscheiden kann. Daher scheint es mir wichtig, immer auch die jeweilige Intention des Künstlers zu berücksichtigen. Abstrakte Bilder gibt es viele, abstrahierte Bilder auch. Entscheidend für die Relevanz der Abstraktion ist dabei häufig nicht nur der jeweilige Abstraktions-Grad, sondern auch die Art des dazu führenden Prozesses.

Da sind wir dann auch wieder bei dem Thema Bildbetrachtung und dessen Grenzen: Während man die Abstraktheit anhand des Bildes zumeist faktisch feststellen bzw. einordnen kann, sagt das Bild selbst nichts über die vorhergehende Abstrahierung aus. Bei dem Begriff "abstrahierte Werke" wird dieser gewollte oder systematische Abstraktionsprozess jedoch unterstellt bzw. festgestellt - und somit dem Bild eine zusätzliche Information zu seinem Kontext geliefert.

Nach oben 05.07.2012, 11:01 Nach unten
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