"Kunst steht nicht unter oder über, sondern jenseits von Richtigkeit und Fehler." (Emil Nolde)




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 Deutschland, das Land der Dichter und Denker? 
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Beitrag  Deutschland, das Land der Dichter und Denker?
Verehrte Mitkritzelmeisterinnen und Mitkritzelmeister,

gestern kamen Gabi Cap und ich auf ein interessantes Thema zu sprechen, das die Lehrerschaft und auch die Kultusministerien seit Jahren immer wieder beschäftigt. Seit 2005 wird immer wieder darüber beraten, die musisch-künstlerischen Fächer in der Stundentafel zu beschneiden, oder sie gar ganz heraus zu nehmen, um mehr Platz für die Naturwissenschaften zu haben. Bisher ging das, Gott sei Dank, an uns vorrüber, aber wie sieht es denn nun mit der Zukunft aus?

In immer mehr Publikationen, auch Seitens des Arbeitsamtes, werden die Naturwissenschaftlichen Fächer propagiert und als DIE Zukunft für unser Land hingestellt. Immer mehr Schulen werden zu den so genannten MINT-Schulen umgewandelt, deren Fokus ganz klar auf den Naturwissenschaften liegt. Gleichzeitig werden, auf politischen und Elternwunsch, die Anforderungen für das Abitur immer weiter herunter gedreht. Es sei unverantwortlich, heutzutage einen jungen Menschen ohne Abitur von der Schule zu entlassen, so heisst es. Und so hat man heute Schüler am Gymnasium, deren eigentliche Befähigung eher in der Realschule liegt, das Niveau sinkt duch interessante Regelungen wie die "Drittel-Regel" so weit ab, das jeder durch kommt. Mit dem Ergebnis, das die Qualität sinkt. Aber wer ist wieder Schuld? Die überbezahlten Lehrer.

Ich persönlich habe meinen Zweifel, das die eingeschlagenen Wege die richtigen sind, aber so lange solche Organisationen (wie diese hier: Klick Gehör bekommen, während der Rest völlig untergeht, sehe ich wenig bis keine Zukunft für Deutschland als Land der Dichter und Denker. Vielleicht gerade noch als Land der Binären Kinder.

Um meine Aussagen etwas zu untermauern habe ich meinen Mann noch gebeten, die Hefte die in den Schulen zu dem Thema ausliegen für mich mitzubringen, wohin allerdings die Reise geht, das dürfte euch dieses Interview mit dem "MINT-Botschafter" Ulrich Walter zeigen...

Über Meinungen und eine rege Diskussion zu dem Thema würde ich mich sehr freuen.

Suse

Edith:

Hier nur mal die schönsten Stellen als Zitat:

Zitat:
Woher rührt das Desinteresse an Technik?
Das ist ein kulturelles Problem. Unsere Kultur geht auf die alten Griechen zurück und für die waren Handwerker immer Menschen zweiten Grades. Die alten Griechen haben gesagt: »Handwerker aus der Stadt, wir brauchen Wissen! « Das geistige Prinzip steht seit jeher über dem materiellen Prinzip und ging über in die Religion, die unsere Kultur prägt. Jedes Kind bekommt das in der Schule eingetrichtert.


Zitat:
Also erziehen wir unsere Schüler falsch?
Wir erziehen sie so, wie es unserer humanistischen Gesellschaft passt. Bildung bedeutet für unsere Gesellschaft nicht Technik, sondern Lesen. Goethe ist immer noch wichtiger als zu wissen, wie ein elektrischer Stromkreis funktioniert. Dagegen arbeite ich, aber das kriegt man nicht raus aus unserer Gesellschaft, und wissen Sie warum?


Zitat:
Weil unsere Lehrer an den Schulen das humanistische Prinzip vertreten. Lehrer sind Humanisten und keine Techniker und Wissenschaftler. Und humanistisch heißt immer noch Sprachen, Philosophie, Religion und Lesen. Das ist ein geschlossener Kreislauf. Kaum ein Lehrer war nur ein einziges Mal in der Industrie. Die wissen nicht, wie man Aktien kauft, wie Unternehmen funktionieren. Das kriegen unsere Schüler nicht beigebracht, aber genau das ist es doch, was man wissen muss. Lehrer wissen das allerdings nicht, da sie es in ihrer Ausbildung selbst nie gelernt haben. Da beißt sich die Katze in den Schwanz.


Zitat:
Genau so ist es. Es gibt eine schöne Untersuchung, wie relevant Abiturergebnisse für Erfolg sind. Nur 23 Prozent der Schüler, die positiv im Abitur abgeschnitten haben, sind auch beruflich erfolgreich. Das zeigt uns, dass wir unsere Schüler nicht fürs Leben ausbilden.

Nach oben 25.11.2010, 11:08 Nach unten

Beitrag  Re: Deutschland, das Land der Dichter und Denker?

    Eine Diskussion darüber könnte ich mir sehr interessant vorstellen.

    Allerdings braucht man ein wenig Zeit um das ganze durchzulesen und darüber nachzudenken.

    Ich bin gespannt auf das Ergebnis.

Nach oben 25.11.2010, 11:22 Nach unten

Beitrag  Re: Deutschland, das Land der Dichter und Denker?
Natürlich benötigt das sichten der Informationen etwas Zeit, aber scheinbar ist das Thema doch nicht ganz so interessant :(

Schade eigentlich
Suse

Nach oben 26.11.2010, 16:01 Nach unten

PC

Beitrag  Re: Deutschland, das Land der Dichter und Denker?
Hallo Kristallträne,

erstmal vielen Dank für das Thema. Die Kernfrage, die für mich daraus hervorgeht, ist folgende:

Wie wichtig ist Kunst und Kultur für eine Gesellschaft, und welcher Stellenwert sollte ihr eingeräumt werden?

Zu den genannten Zitaten und Links sehe ich das wie folgt:

Zunächst schätze ich Ulrich Walter als Person sehr. Seine Laufbahn habe ich in den Jahren, in denen ich mich laienhaft aber intensiv mit Raumfahrt und Physik beschäftigt habe, gerne mitverfolgt. Viele seiner wissenschaftlich-geprägten Sichtweisen kann ich daher sehr gut nachvollziehen.

Mit dem Deutschen Lehrsystem bin ich ebenfalls nicht einverstanden. Das fängt dabei an, dass man nach dem Abitur (je nach Wahl der Leistungs-Fächer) zwar vieles über Geschichte, Musik, und Erdkunde etc. weiß, aber viele weitere durchaus wichtige Themen einfach ausgeblendet oder ignoriert werden. Allein in Erdkunde lernt man jahrelang immer wieder alles über tektonische Platten, Flüsse-Namen in China und im Ural, kann Klimazonen benennen und anhand Niederschlags-Diagrammen bestimmen. In Fächern wie Musik ist das ähnlich, man lernt was eine Prime, Sekunde, Quarte und Quinte ist, wie eine Sonate aufgebaut ist, usw. Religionsunterricht bis in die Oberstufe ist ebenso diskutabel. Allerdings ebenso, warum man in der Mathematik für alle bis zum Abitur hin zwangsweise Integrale berechnen und Kurven diskutieren muss, obwohl man selbst dazu weder einen Zugang noch Interesse hat. Anschließend wird man in die Gesellschaft entlassen und hat keine Ahnung wie Banken und Versicherungen funktionieren, was ein Investmentfonds ist, was Geld und echte Werte sind, wie das Gesundheitssystem funktioniert, etc. Die richtige Schule des Lebens fängt dann erst an. Dies sind nur ein paar Aspekte die deutlich machen sollen, dass da sehr viel Diskussions- und auch Änderungsbedarf besteht. Aus meiner Sicht ist die heutige Schulausbildung alles andere als fähig, selbstständig denkende Menschen hervorzubringen bzw. zu fördern - also auch keine Dichter und Denker, und geniale Erfinder ebenso wenig. Man weiß und kann hinterher vieles und doch nichts, es dient einzig und allein als Grundlage für eine weitere Fort- und Ausbildung als Mittel zum Zweck, mehr ist es nicht. Doch die dabei gemachten Versäumnisse einerseits, und die extrem-ausführlich vermittelten Teilbereiche andererseits, machen sich hinterher meist deutlich und manchmal auch sehr schmerzlich in Unmündigkeit bemerkbar. Und nicht zu vergessen: Mit 18 darf man wählen, und hat dabei keine Ahnung wie die Welt um einen herum funktioniert.

Zur Kernfrage:
Ich halte es durchaus für fragwürdig, dass die Allgemeinheit mit jährlichen Millionensummen marode Kulturinstitutionen am Leben erhalten muss. Sie sind deswegen marode, weil sie sich selbst nicht finanzieren können. Das bedeutet: Sie verschlingen mehr Kosten, als sie einnehmen. Es gibt also zu wenig Zuschauer im Verhältnis zum Angebot, und diese sind auch nicht bereit den wahren Preis zu zahlen. So ein Theater-Ticket würde dann halt real 50-300 Euro kosten, und nicht 20.

Subventionen sind generell wichtig: Für Biobauern, um gesunde Nahrung zu fördern; oder für Erneuerbare Energien, um sich Wettbewerbsvorteile, Zukunftssicherheit und mehr Energie-Unabhängigkeit zu sichern. Jede Subvention muss einen Gegenwert bringen, sonst ist es rausgeschmissenes Geld und damit verlorene Arbeit und damit verschenkter Wohlstand. Bei Kultursubventionen muss daher die Frage erlaubt sein: Worin liegt dieser Gegenwert, und ist er den Aufwand wert?

Kunst und Kultur, das macht auch Ulrich Walter deutlich, ist zum Überleben nicht notwendig und daher Luxus. Jeder von uns sieht es im Grunde genauso, wenn er Prioritäten setzen müsste: Wenn man keine Farben mehr zum Malen hat und gleichzeitig auch nichts mehr zu essen, dann kauft man sich zuerst was zu essen. Wenn man wählen muss zwischen einer Waschmaschine oder dem Kauf eines dekorativen Gemäldes, dann kauft man zuerst die Waschmaschine, die einem das Leben erleichtert. Und wenn man beruflich oder privat zwingend ein Auto benötigt, dann kauft man dies zuerst bevor man sich ein Kunstwerk zur Verschönerung der Wohnung zulegt. Das heißt: Die Erfindung und günstige Herstellung von technischen Hilfsmitteln schafft einen erheblich größeren Nutzen als die Kultur.

ABER: ;-)
Die Kultur ist ihrem Wesen nach ein geistiger Nährboden, die neue gesellschaftliche Errungenschaften, Denkweisen und Weltbilder erst ermöglicht - zumindest sollte sie das sein. Wenn Kultur nur noch Vergangenheitsbewältigung ist und man sich maßgeblich in früheren Errungenschaften von Altmeistern sonnt, dann ist Kultur reiner Selbstzweck. Aus ihr entsteht nichts neues, sie fördert nicht, sie entwickelt sich nicht mehr. Das was wir heute gesellschaftlich unter dem Kulturbegriff verstehen, ist ein Fossil aus der Vergangenheit. Aus ihr entsteht nichts mehr. Sie wurde schon längst überrollt von anderen Kulturarten: Unternehmenskulturen, Subkulturen, Globalisierungskulturen, Internetkulturen, Blogger-Kultur, Foren-Kultur. Die Kultur ist tot, es lebe die Kultur. Nur ist das anscheinend noch nicht überall angekommen. Das kritisiert im Grunde Ulrich Walter, hat aber das eigentliche Problem nicht erkannt: Wir brauchen nicht mehr von diesem oder weniger von jenem. Wir brauchen freiere Strukturen, flexiblere Lehrpläne, aufgeklärtere Lehrer und mehr Anreiz zu selbständigem Denken. Dann kann wieder Neues entstehen, dann entwickelt sich eine neue Freidenker-Kultur, dann werden auch technische Höchstleistungen erzielt.

Nach oben 27.11.2010, 16:11 Nach unten
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