"Alle Kunstgattungen sind gut, mit Ausnahme der langweiligen." (Voltaire)




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 Objektiviertes Sehen 
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Beitrag  Objektiviertes Sehen
Für mich eines der größten Probleme in der Zeichnung und Malerei überhaupt: Der Wald! Wie zeichne oder male ich Bäume, wenn ich mich in einem Wald befinde? Mich würden Eure Erkenntnisse dazu mal interessieren!

Sieht man sich einmal Kinderzeichnungen von Bäumen an, so stellt man folgendes fest( so nett Kinderbilder auch sein mögen, sie zeichnen sich ja gerade durch eine gewisse "Unfähigkeit" aus , die man dann als Erwachsener naiv charmant findet): Das Kind interpretiert das Gesehene noch bevor es malt und zeichnet daher meistens den ganzen Baum in der Totale. Auch der Erwachsene, der sich "anstrengt" Bäume zu malen, begeht in aller Regel in abgeschwächter Form den gleichen Fehler. Man will schließlich, dass man den Wald bzw. die Bäume wiedererkennt. Noch bevor man die Bäume malt, hat man sie begrifflich schon einzeln im Kopf und ist entschlossen sie "hintereinander weg" einzeln aufzuzeichnen.
Als heute lebender Mensch weiß man inzwischen, dass man nicht mehr alle Äste und Blätter einzeln malt, sondern vergröbert ( also abstrahiert). Aber man ist begrifflich immer noch bei einzelnen Blättern, Ästen und Bäumen, oder?
Was macht man nun, wenn man nur einen Ausschnitt des Waldes malt? Dann stellt sich das Problem, dass z.B. unten links ein Stück Baum gerade noch im Bild ist und in der Mitte ein "neuer" angefangen ist, der von einem oder mehreren anderen durchdrungen ist. Also ein Wirrwarr. Wie löst man sowas? Schwierig! Die alten Maler haben sowas oft mit "genügend Abstand umschifft", so dass man wieder einzelne Bäume erkennen kann, oder aber es gar nicht als Problem wahrgenommen und alle Einzelheiten gemalt.
Wie macht eine Fotokamera sowas eigentlich? Mal angenommen, es handelt sich um eine schlechte, die nicht alle Einzelheiten abbilden kann. Sie würde den Ausschnitt eines Waldes als möglicherweise nicht gut zu identifizierbare Struktur wiedergeben. Eine Kamera würde keine "Baumteile" oder "Astteile mit Blättern" aufzeichnen, da sie gar nicht interpretieren kann. Trotzdem würden wir wahrscheinlich den "Ausschnitt des Waldes" erkennen können. Warum eigentlich? Meines Erachtens liegt das daran, dass wir solche Strukturen in unserem Erfahrungsschatz bei "Wäldern und Bäumen" abgespeichert haben.
Eine Kamera bildet also keine Bäume und Wälder ab, sondern nur eine Struktur mit unterschiedlichen graphischen Eigenheiten und unterschiedlicher Schwärze oder Intensität.
Meine Erfahrung ist nun, dass ein Maler oder Zeichner genau das auch tun sollte: Vergessen, was er abbildet und genau das zeichnen, was er vor seinem Auge sieht. Hört sich nur im ersten Moment blöd an, in Wahrheit ist es ein radikaler Gedanke, der einige Übung erfordert, denn man kann schlecht abstellen, dass man das, was man sieht, auch versteht.
Trotzdem ist es aus meiner Sicht das Geheimnis hinter guter gegenständlicher Malerei. Der Maler vergisst völlig was er malt und konzentriert sich nur darauf, was er sieht. Und diese Struktur setzt sich dann beim Betrachter wieder als Bild zusammen. Der Betrachter hat ja dieselben Konnotationen im Kopf und kann sofort zuordnen! Aber er muss sich das "Bild neu selbst zusammensuchen". Betrachter mögen soetwas, übrigens resultieren alle Malstile der letzten 200 Jahren aus solchen und ähnlichen Grundüberlegungen ( schätze ich).
Zur Malerei nach Fotovorlage:
Hier besteht das oben angesprochene Problem in noch verstärkter Form. Der Maler kann nicht mehr die ursprüngliche Struktur optisch genau wiedergeben ( der Kamerablickwinkel verhindert es, den muss man sklavisch übernehmen) und ist zudem noch mehr geneigt, das Foto zu interpretieren. Wird der Wald in dem man sich selbst befindet, noch als Struktur um den eigenen Körper herum wahrgenommen, ist das Foto ja nur noch eine Abbildung und fügt sich noch "gefälliger" in die Vorstellung von einem Wald im Sinne eines Vorurteils, einer negativen falschen Schablone, die man von dieser Vorstellung hat.
Meine Erfahrung ist: Nahezu alle Defizite, die ich in der gegenständlichen Malerei ausmachen konnte, resultieren aus dem, was ich gerade zu schildern versucht habe. Wenn einer zu Übungszwecken Fotos abmalt, sei ihm das gestattet, aber er muss sich natürlich sagen lassen, dass es kein "Kunstgehalt an sich ist" ein Foto mehr oder weniger gut kopiert zu haben.
Und auch die Vorinterpretierung des Gesehenen kann ihren Reiz haben, z.B. in der naiven Kunst! Henri Rousseau hat daraus wieder eine Art von Meisterschaft gemacht. - Aber freiwillig! Seine Arbeiten erheben ja sichtbar nicht den Anspruch auf realistische Darstellung.

Meine Erfahrung ist: Wenn ich realistisch darstellen möchte, schalte ich den Kopf total ab und versuche mich mit Hochdruck nur auf das Gesehene zu konzentrieren, natürlich nach freier Natur. Wie durch Zauberhand kann man dann hinterher erkennen, was es sein soll. Eine komische Erfahrung. Also eine Zeichnung besteht aus Punkten, Schwärzen, Grauabstufungen, Linien unterschiedlicher Krümmung , Intensität und Länge und der Betrachter hinterher erkennt den Wald oder das Portrait. Es ist sogar für mich hilfreich, wenn ich beim Wald das "Portait" zeichne und umgekehrt. Die Zeichnung wird dann interessanter.

Wie seht Ihr das?

Nach oben 07.08.2010, 17:06 Nach unten

Beitrag  Re: Objektiviertes Sehen
Lieber zugast!
Leider bin ich nicht so redegewandt!
Ich gehöre hier schon fast zum Baummalern!!
Aber ich muß feststellen ,das ich immer wieder ausschweife!
Meine Bäume sind auch mal lila oder andersfarbig. auch lege ich keinen Wert auf Genauigkeit!
Ich habe auch große Schwierigkeiten mich in einem Wald zu orientieren, beim mir sieht es hinterher alles ganz anders aus!
Es ist für mich
Dateianhang:
IMG_1088.JPG
schwer ein Waldbild herzustellen, ich schaffe es auch nie!
Anbei ein kleines Baumbild!

Nach oben 07.08.2010, 17:25 Nach unten

Aquarell, Öl, Pastellkreiden

Beitrag  Re: Objektiviertes Sehen
Hallo!

Ich muß dazu sagen, daß ich gegen jedes Dogma bin.
Bin auch nicht der Ansicht, daß ein Foto ab-malen keine Kunst wäre, auch hier liegts an der Interpretation und an dem, was der Künstler draus macht. wie immer eben.
Insofern gibts sicher so viel Waldbilder, wies Künstler gibt, jedes Bild für sich ist ein Wald mit mehr oder weniger guter Erkennbarkeit. Ich glaub, ich hab noch nie ein Waldbild gesehen, wo ich den Wald nicht erkennen hätte können.

Birgit, dein Bild ist Klasse übrigens, gefällt mir sehr.

winke von Morgenwind

Nach oben 07.08.2010, 17:42 Nach unten

Beitrag  Re: Objektiviertes Sehen
Baummaler(in) sein ist gar nicht schlecht! Das ist ein Universum für sich. :-) Schöne Bäume übrigens, die Du eingstellt hast. Ich habe auch ein paar Wald - und Steinbruchstudien gemacht, in Aquarell. Mal gucken welche es Wert sind , sich zu Deinen Bäumen gesellen zu dürfen!
Grüße von hier ( und das ist nicht der Wald, hahaha :grins: ).

Hallo Morgenwind, das war nicht als Dogma gemeint, ist sachlich auch wohl keines, vielleicht Anregung. Dogmen lehne ich ab. Empfindest Du denn die gesamte Kunstwissenschaft des letzten Jahrhunderts als Dogma, welches abzulehnen ist?
Wenn ich Dir erzählen würde, dass Du Deinen abgebrochenen Bleistift anspitzen musst, um Feinheiten damit zu malen, kann man das natürlich als nicht hinzunehmendes Dogma betrachten. Du kannst dann eben nur keine Feinheiten mehr malen, oder befolgst das "Dogma" heimlich doch.
Inwieweit findest Du denn die von mir vorgebrachten Gedanken falsch?
Da bitte ich um eine detailierte Darstellung, ich glaube nämlich, dass alles richtig ist!

Zugast

Nach oben 07.08.2010, 17:43 Nach unten

Beitrag  Re: Objektiviertes Sehen
Hier ein paar Olivenbäume.

Nach oben 07.08.2010, 18:05 Nach unten

Aquarell, Öl, Pastellkreiden

Beitrag  Re: Objektiviertes Sehen
naja, ich hätt vielleicht ne ganz andere Methode, um Feinheiten zu malen oder ich knabber die Stifte ab, weil ichn Spitzer nicht kenn.
Nein - ich lehne lediglich ab, was MUSS heißt. Alles persönliche Ansichten und persönliche Meinungen. Ich denke, es gibt kein muss in der Kunst. Und man kann aus eigenen Fehlern lernen, auch wenn grad niemand da ist, der einem sagt, was man gerade muß . Ist vielleicht ein Umweg, aber auch Umwege haben ihren Reiz.
Für mich muß es schön sein, meinen Geschmack treffen und vielleicht den Geschmack von niemand sonst. Das ist mir ziemlich egal.
Aber weil du fragst: ich empfinde einiges an Dogma, was die Kunstwissenschaft betrifft. Macht mir nix, ich muß mich ja nicht an Dogmen halten.
Und ich hab tatsächlich ein wenig dogmatisches aus deinen Zeilen gelesen. Falls nicht, umso besser.

:winken:

Nach oben 07.08.2010, 18:07 Nach unten

Beitrag  Re: Objektiviertes Sehen
Nein Morgenwind, erzähl mir bitte , was genau an meiner Darstellung falsch war! Man kann sie richtig oder falsch finden oder sie nicht verstehen. Wenn Dein Statement keine Floskel ist, sage doch genau, an welcher Stelle ich mich irre.

Nach oben 07.08.2010, 18:16 Nach unten

Aquarell, Öl, Pastellkreiden

Beitrag  Re: Objektiviertes Sehen
nochmal hallo! du hast was von Fotos abmalen geschrieben. Und daß das keinen wirklichen Eindruck eines Waldes wiedergeben könnte, wenn man von einem Foto (ab)malt.
Ich denke, du hast die Fantasie vergessen und auch das Unterbewußte. Man kann ein Foto nehmen, das Gröbste daraus ersehen und da, wo die Kamera versagt, dazu hat man dann das eigene Vorstellungsvermögen. und daraus kann durchaus ein realistisches Bild werden. Oder eins, das den Eindruck eines Waldes vermittelt.
Ich stimm dir zu, wenn du sagst, daß es gut ist, zu vergessen, was man malt. Dann vertraut man meiner Meinung nach auf das Unterbewußtsein, das genauestens weiß, wie etwas aussieht, falls man es gesehen hat, wahrgenommen hat.
Gleichzeitig hab ich schon wunderwunderschöne Bilder gesehen, die nach einem Foto gemalt wurden.
Also es ist beides möglich, es liegt auch in der Sicht des Betrachters, der ein Bild ansieht.
Ich habe Fotos von Wäldern, die alles zeigen, was wichtig ist. Und genau da könnt ich anfangen, den Wald zu malen. Einerseits durch das Foto und andererseit durch das, was ich innendrin als Wahrnehmung eines Waldes hab. Also ich denke, das Innere gehört immer dazu, nicht nur das Äußere, egal ob in der Natur oder obs nun ein Foto ist. Und daran liegts, ob ein Bild gut wird oder nicht. Ist meine meinung dazu und du hast ja gefragt, wie wir das sehen.

Das dogmatische, ok, vielleicht meinst du es nicht so, wie ich das aufnehme. Aber es klingt für mich recht allgemeingültig, was du sagst. Solang das nur für dich gilt und gelten soll, prima. Und solang du auch bei einem Bild, das nach einem Foto gemalt ist, sagen kannst: schön ist es, aber das geht mich dann eigentlich nichts an.

Reicht das jetzt oder ist noch was unklar?

:winken:

Nach oben 07.08.2010, 18:56 Nach unten

Beitrag  Liebe Morgenwind
Also allgemeingültig ist es schon, was ich gesagt habe, sonst wäre es ja nicht der Rede wert und keine Erkenntnis.
Und wie ich schon über Rousseau gesagt habe, wenn man bestimmte Dinge absichtlich ignoriert, gibt es auch schöne Ausdrucksmöglichkeiten. Auch Leute wie Edward Munch haben von Fotos abgemalt, dagegen ist also nichts zu sagen.
Aber nie zum Zweck um die Wirklichkeit abzubilden.

Es ging mir um das Thema Abbilding und Umsetzung von Gesehenem. Da sind Fotos weniger geeignet als die Realität.

zugast

Nach oben 07.08.2010, 20:18 Nach unten

Aquarell, Öl, Pastellkreiden

Beitrag  Re: Objektiviertes Sehen
Das hatte ich schon verstanden. Seh es aber anders als du und deshalb als nicht allgemeingültig an, was du darüber denkst.
Ich denke immer noch, es kommt auf den Künstler an und inwieweit er fähig ist, Realität aus dem Inneren abzubilden. Und da ist es nicht so wichtig, obs nun draußen ist oder ein Foto.

Morgenwind

Nach oben 07.08.2010, 20:27 Nach unten

Beitrag  Re: Objektiviertes Sehen
Lieber Zugast!

Ich möchte mich Morgenwind anschließen, auch auf mich wirkten Deine Zeilen eher als allgemein gültig und gerade in der Kunst möchte ich mir keine Vorgaben machen lassen.

Ich male sehr, sehr gerne von Fotos ab. Es entspricht dem, wie ich malen will. Und diese Freiheit ist mir heilig.

Wenn Du für Dich entscheidest, dass Du lieber plein air malst, wunderbar. Wenn ich für mich entscheide, dass ich lieber von Fotos abmale, dann wäre es nett, wenn diese zwei Herangehensweisen gleich-gültig nebeneinander stehen bleiben können. Ohne eine Bewertung der Technik des anderen.

Dies hier:

Zitat:
Wenn einer zu Übungszwecken Fotos abmalt, sei ihm das gestattet, aber er muss sich natürlich sagen lassen, dass es kein "Kunstgehalt an sich ist" ein Foto mehr oder weniger gut kopiert zu haben.


empfinde ich z.B. als Wertung.

Liebe Grüße
Astrila

Nach oben 07.08.2010, 20:51 Nach unten

kritzelkram

Beitrag  Re: Objektiviertes Sehen
Hallo :winken:

Jo, ich denke, man sollte (und kann) lernen, dümmer zu werden, das tut der Malerei gut. Aber auch nur, wenn man die Malerei im Sinne von peinture begreift. Dafür funktioniert das dann aber auch mit Fotos (aber anders eben).

Allerdings funktioniert dann das beschriebene Rezeptionsmodell nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt (so wie beschrieben entspricht das eher einem Farbkopierer denn einem Maler :grins: , ausserdem, selbst wenn man nur Bäume pinselt gibt es eine Geschichte der Baumpinselmalerei, die man, wenn man Bäume pinselt zumindest ansatzweise kennt, es gibt keine Zukunft ohne Vergangenheit, usw. blabla, also Hirn auf null ist nicht, selbst wenn man will)

Literaturempfehlung: Die Phantasie in der Malerei, Max Liebermann 1916, Cassirer

Nach oben 07.08.2010, 21:18 Nach unten

PC

Beitrag  Re: Objektiviertes Sehen
Interessante Diskussion und Standpunkte. :klasse:

Wenn ich es richtig verstanden habe dann geht es um folgende Thesen (bitte korrigiert mich, falls nicht):

Ein Foto kann niemals das direkte Sehen und Erleben ersetzen. Ein gutes Foto ist zwar eine physikalisch ziemlich exakte Abbildung einer je nach Blende und Belichtungsempfindlichkeit gewählten Einstellung, doch das Gefühl der direkten Präsenz zu vermitteln, das kann man (wenn überhaupt) nur von sehr wenigen Fotos behaupten. Man merkt das auch daran, dass bereits kleinste Abweichungen in Aufnahme-Winkel, Einstellungen und Aufnahmezeitpunkt oftmals zu völlig unterschiedlichen Wirkeindrücken führen. Und wer kennt sie nicht, die teilweise gravierenden Unterschiede von Urlaubskatalog-Bildern zu den realen Wirk-Eindrücken vor Ort :wink:

Nun, wenn man als Künstler die "Realität" im Sinne eines Wirk-Konsens bestmöglich abbilden möchte, so ist ein Foto auch meines Erachtens keine geeignete Vorlage. Mal angenommen, man könne dies überhaupt anstreben, die "Wirklichkeit" allgemeingültig fernab vom eigenen Gefühlsleben abzubilden geschweige denn wiederzugeben, dann sollten die Eindrücke (Vorlage) möglichst ungefiltert aufgenommen und verwertet werden (ein Foto ist definitiv ein physikalisch vorgefiltertes Produkt, bei dem immer die Gefahr gegeben ist, dass wichtige Impulse und Eindrücke verloren gehen).

Übrigens mit ein Grund, warum klassische Aktmalerei am besten mit realen Menschen vor Ort umgesetzt wird.

Nun zum eigentlichen Kernthema der Diskussion:

zugast hat geschrieben:
Meine Erfahrung ist nun, dass ein Maler oder Zeichner genau das auch tun sollte: Vergessen, was er abbildet und genau das zeichnen, was er vor seinem Auge sieht. Hört sich nur im ersten Moment blöd an, in Wahrheit ist es ein radikaler Gedanke, der einige Übung erfordert

Diese Schlussfolgerung halte ich im Sinne meiner obigen Ausführungen für einen Trugschluss. Denn ein Künstler ist immer mehr als eine Maschine, und sollte sein Wirken nicht mit der Reduktion auf rein mechanische Prozesse wie bei einer Foto- oder Video-Kamera vergeuden. Um das Zitat aufzugreifen: Ein Maler sollte nicht das malen, was er vor sich sieht, sondern was er in sich sieht. Gerade weil die Realität mehr ist als die reine optische Wahrnehmung, ist der Ansatz z.B. von Impressionisten weitaus "realitätsnaher" als jede Fotografie (hier bedarf es sicherlich einer Konkretisierung, was man in dieser Diskussion unter "Realität" zu verstehen hat - optische Realität oder absolute Realität).

Gerade Dein obiges Bild der Olivenbäume ist für mich paradoxerweise ein tolles Beispiel, wie man gerade ohne optischen Detail- und Realitätsanspruch die "Wirklichkeit" weitaus treffender wiedergeben kann. Ich stimme zu, dass dies mittels direkter ungefilterter Impressionen vor Ort besser machbar ist, als mit jeder erdenklichen Fotovorlage. Im Gegensatz dazu kommen gerade die Maler und Zeichner, deren Ziel es ist die optische Realität möglichst perfektionistisch und exakt wiederzugeben bzw. zu reproduzieren, mit einer Fotovorlage sehr gut aus - ja - sie benötigen sie geradezu.

Nach oben 07.08.2010, 21:32 Nach unten

Beitrag  Re: Objektiviertes Sehen
Beitrag: Re: Objektiviertes Sehen - 07.08.2010, 21:32 Adrian hat geschrieben:
Interessante Diskussion und Standpunkte. :klasse:

Wenn ich es richtig verstanden habe dann geht es um folgende Thesen (bitte korrigiert mich, falls nicht):

Ein Foto kann niemals das direkte Sehen und Erleben ersetzen.



Lieber Adrian!

Warum sollte ein Maler bei einem Foto nicht ein Fühlen und Erleben haben? Es gibt - gerade in den Bereichen, in denen ich gerne tätig bin (diese Bilder hab ich nicht hier eingestellt) Fotos, bei denen ich derartige Emotionen verspüre, die gar nicht beschreibbar sind.

Aber malbar.

Für mich. Auf meine persönliche Art und Weise, ohne deshalb den "Realismus" einzubüßen.

Es ist machbar, natürlich. Ich denke, gerade in der Kunst ist viel machbar. Und ob jemand plein air Gefühle entwickelt oder dies beim Betrachten eines Fotos passiert, ist sicher so individuell wie es Menschen gibt.

Liebe Grüße
Astrid

Nach oben 07.08.2010, 21:50 Nach unten

PC

Beitrag  Re: Objektiviertes Sehen
Beitrag: Re: Objektiviertes Sehen - 07.08.2010, 21:50 Astrila hat geschrieben:
Beitrag: Re: Objektiviertes Sehen - 07.08.2010, 21:32 Adrian hat geschrieben:
Ein Foto kann niemals das direkte Sehen und Erleben ersetzen.


Lieber Adrian!

Warum sollte ein Maler bei einem Foto nicht ein Fühlen und Erleben haben? Es gibt - gerade in den Bereichen, in denen ich gerne tätig bin (diese Bilder hab ich nicht hier eingestellt) Fotos, bei denen ich derartige Emotionen verspüre, die gar nicht beschreibbar sind.

Aber malbar.

Für mich. Auf meine persönliche Art und Weise, ohne deshalb den "Realismus" einzubüßen.

Es ist machbar, natürlich. Ich denke, gerade in der Kunst ist viel machbar. Und ob jemand plein air Gefühle entwickelt oder dies beim Betrachten eines Fotos passiert, ist sicher so individuell wie es Menschen gibt.


Zur Klarheit: Meine Aussage bezieht sich im Themensinn auf die "objektivierte" Wiedergabe einer "Realität". Wenn man die Realität eines ursprünglichen Objekts anhand einer Fotovorlage wiedergeben möchte, kann man allenfalls das Foto ansich wiedergeben, nicht aber das darauf abgebildete (und vormals ungefilterte) Objekt in seiner Ganzheit erfassen. Man kann dann zwar etwas hinzudichten, Erinnerungen einfließen lassen, damit verbundene Gefühle ausdrücken - das alles spiegelt dann aber nicht die direkte "Realität" des ursprünglichen Objekts wider. Und falls doch, dann nur aus sehr unwahrscheinlichem Zufall.

Manche Künstler brauchen weder direkte Eindrücke noch Fotovorlagen, sondern malen rein aus imaginärer Vorstellungskraft. Aber hier wird sich keiner anmaßen zu behaupten, dies wäre dann die Abbildung einer unmittelbar erlebten "Realität" des abgebildeten Objekts. Prinzipiell gleichermaßen verhält es sich mit Fotos, diese sind bereits vorgefiltert und suggerieren etwas "direktes", was bei genauerer Betrachtung allerdings eine Illusion ist.

Das alles sagt nichts über die Qualität der Malereien als Solche aus, sondern über ihren jeweiligen Anspruch an eine mögliche "realitätsnahe" Wiedergabe im Sinne eines bestmöglichen Transfers der von diesen Objekten vermittelten Wahrnehmungsspektren.

Nach oben 07.08.2010, 22:59 Nach unten

Aquarell, Öl, Pastellkreiden

Beitrag  Re: Objektiviertes Sehen
Ehrlichgesagt wage ich zu bezweifeln, daß jeder, der das direkte Objekt malt, Realität wiedergibt. Es ist auch nur seine erlebte Realität, obs die eines anderen ist? Es ist immer ein Filter dazwischen, immer. Und zwar der der persönlichen Sichtweise.
Und ich hab mich schon oft gewundert, wie diese Realitäten aussehen, daß z.B. Farben verwendet werden, wie sie in der Realität nicht sind, sondern eben wie sie empfunden werden, was absolut nicht realistisch sein muß und wo bleibt dann der realistische Anspruch?
Na ja, der Satz, den Astrila zitiert hat, von wegen abmalen usw. - den hab ich nicht mehr gefunden, aber er war mir noch in Erinnerung und ich find ihn auch abwertend.

ich möcht dann liebern wenig dümmer werden, im sinne von rommels beitrag.

:winken:

Nach oben 07.08.2010, 23:14 Nach unten

Mixed

Beitrag  Re: Objektiviertes Sehen
Beitrag: Re: Objektiviertes Sehen - 07.08.2010, 17:25 birgit hofmann hat geschrieben:
Lieber zugast!
Leider bin ich nicht so redegewandt!
Ich gehöre hier schon fast zum Baummalern!!
Aber ich muß feststellen ,das ich immer wieder ausschweife!
Meine Bäume sind auch mal lila oder andersfarbig. auch lege ich keinen Wert auf Genauigkeit!
Ich habe auch große Schwierigkeiten mich in einem Wald zu orientieren, beim mir sieht es hinterher alles ganz anders aus!
Es ist für mich
Dateianhang:
IMG_1088.JPG
schwer ein Waldbild herzustellen, ich schaffe es auch nie!
Anbei ein kleines Baumbild!


Fuer mich ist dein Bild ein Waldbild. Genauso sehen hier die sog "riparian forests" aus.
Und wenn ich zugast richtig verstehe, dann tust du,was er versucht zu beschreiben, naemlich malen, was du siehst.
Mehr zu deinem Bild: die Schwere der Baumstaemme ist so gut getroffen, die FArben, sehe ich oft genauso, lila schwingt um die Rinde, die beim genauen Hinsehen nur olive und beige ist.
Ich sehe, wenn ich im "riparian forest" bin, genau das, Staemme, Schwere und Farben, darunter lila. Dein Bild ist genial und spiegelt meine hoch-individuelle Wahrnehmung wieder.
DANKE.
Gruss

Nach oben 07.08.2010, 23:22 Nach unten

Mixed

Beitrag  Re: Objektiviertes Sehen
Beitrag: Re: Objektiviertes Sehen - 07.08.2010, 18:07 Morgenwind hat geschrieben:
naja, ich hätt vielleicht ne ganz andere Methode, um Feinheiten zu malen oder ich knabber die Stifte ab, weil ichn Spitzer nicht kenn.
Nein - ich lehne lediglich ab, was MUSS heißt. Alles persönliche Ansichten und persönliche Meinungen. Ich denke, es gibt kein muss in der Kunst. Und man kann aus eigenen Fehlern lernen, auch wenn grad niemand da ist, der einem sagt, was man gerade muß . Ist vielleicht ein Umweg, aber auch Umwege haben ihren Reiz.
Für mich muß es schön sein, meinen Geschmack treffen und vielleicht den Geschmack von niemand sonst. Das ist mir ziemlich egal.
Aber weil du fragst: ich empfinde einiges an Dogma, was die Kunstwissenschaft betrifft. Macht mir nix, ich muß mich ja nicht an Dogmen halten.
Und ich hab tatsächlich ein wenig dogmatisches aus deinen Zeilen gelesen. Falls nicht, umso besser.

:winken:


GENAU
:dopsviele:

Nach oben 07.08.2010, 23:36 Nach unten

Mixed

Beitrag  Re: Objektiviertes Sehen
Beitrag: Re: Objektiviertes Sehen - 07.08.2010, 20:27 Morgenwind hat geschrieben:
Das hatte ich schon verstanden. Seh es aber anders als du und deshalb als nicht allgemeingültig an, was du darüber denkst.
Ich denke immer noch, es kommt auf den Künstler an und inwieweit er fähig ist, Realität aus dem Inneren abzubilden. Und da ist es nicht so wichtig, obs nun draußen ist oder ein Foto.

Morgenwind



Und dazu Gruesse von MAX ERNST
:dops:

Nach oben 07.08.2010, 23:39 Nach unten

PC

Beitrag  Re: Objektiviertes Sehen
Kurze Zwischenbemerkung: Das Thema hat es philosophisch gewaltig insich, wer die bisherigen Argumentations-Lücken (auch bei mir) erkennt und da etwas weiter bohrt, kann zu ganz erstaunlichen Gedankenansätzen kommen :D

Beitrag: Re: Objektiviertes Sehen - 07.08.2010, 23:14 Morgenwind hat geschrieben:
Ehrlichgesagt wage ich zu bezweifeln, daß jeder, der das direkte Objekt malt, Realität wiedergibt. Es ist auch nur seine erlebte Realität, obs die eines anderen ist? Es ist immer ein Filter dazwischen, immer. Und zwar der der persönlichen Sichtweise.
Und ich hab mich schon oft gewundert, wie diese Realitäten aussehen, daß z.B. Farben verwendet werden, wie sie in der Realität nicht sind, sondern eben wie sie empfunden werden, was absolut nicht realistisch sein muß und wo bleibt dann der realistische Anspruch?

Absolut richtig, "Realität" ist die Tochter der "Wahrheit" (so wie die Wahrnehmung die Tochter der Illusion ist). Wir können uns jedoch ihr nähern indem wir unterschiedliche Realitätsgrade differenzieren. Vollständig erfassen werden wir sie nie, weshalb ich dabei auch mit Anführungszeichen auffällig wenig geize :wink:.

Hier vielleicht nun doch zu meiner obigen Zwischenbemerkung: Wenn man das ganze weiterdenkt kommt man zu einem Punkt, an dem schon andere vor uns waren. Nämlich zu der Überzeugung, dass Realität und Illusion zwei Seiten ein und derselben Medaille sind. "Realismus" im künstlerischen Sinne als eine möglichst exakte Abbildung der optischen Realität ist gleichzeitig die höchste Form der Illusion - und damit paradoxerweise das genaue Gegenteil seines Anspruchs. "Ceci n'est pas une pipe" - konstatierte schon Magritte.

Was bleibt ist die Idee einer "Realität" außerhalb unserer Wahrnehmung, der wir uns durch unsere Sinne, Gefühl und Intellekt nur nähern können. Je direkter, reiner und unmittelbarer diese Annäherung stattfindet, desto wahrscheinlicher ist es, dass man ihr möglichst nahekommt.

Nach oben 07.08.2010, 23:48 Nach unten
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