"Bunt ist meine Lieblingsfarbe." (Walter Gropius)




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 Eine Vorweihnachsgeschichte 
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Beitrag  Eine Vorweihnachsgeschichte
Fremdsprachen müsste man können
Zu einer Ehe gehört zwangsläufig eine Schwiegermutter, vor der man als Mann nicht selten einen gehörigen Respekt hat. Meine Schwiegermutter hatte zu dieser Zeit im Hamburger Stadtteil Tonndorf einen alteingesessenen Fischladen und war also das, was man hier eine Fischhökerin nennt. Sie war eine resolute Frau die sich kein X für ein U vormachen ließ und trug ihr Herz auf der Zunge.
Jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit erweiterte sie ihr Geschäft und verkaufte vor Ihrem Laden und im Hof ihres Hauses Tannenbäume.
Es war ein einträgliches Geschäft, aber auch mit viel Arbeit verbunden
Auf der anderen Seite wird gerade in dieser Jahreszeit traditionell in Hamburg sehr viel Fisch gegessen und dadurch wird auch im Laden jede Hand dringend gebraucht.
Wir hatten am 1.Dezember 1978 geheiratet und ich hatte den ganzen Dezember über Urlaub. Eine Hochzeitsreise konnten wir uns aus finanziellen Gründen nicht erlauben, und so kam meine Schwiegermutter auf die Idee, ich könnte doch bei ihr Weihnachtsbäume verkaufen.
Es schien ein ausgezeichneter Gedanke zu sein. Denn erstens musste meine Frau auch arbeiten und wir konnten den nicht unerheblichen Nebenverdienst gut gebrauchen. Außerdem war meiner Schwiegermutter damit geholfen und "Mann" sollte sich ja mit seiner Schwiegermutter gut stellen.
Also zog ich an einem Sonnabendmorgen - so etwa zwei Wochen vor dem Heiligen Abend - meine wärmsten Wintersachen und die festesten Stiefel an und fuhr zum Fischladen nach Tonndorf. Als Kopfbedeckung trug ich zum Schutz vor der doch ziemlich beißenden Kälte - schließlich gab es damals ja noch richtige Winter - meine schöne Pudelmütze mit der großen Bommel daran auf.
Als ich derart ausstaffiert vor dem Laden meiner Schwiegermutter ankam betrachtete sie mich einen Moment durch die Schaufensterscheibe. Dann stürzte sie aus dem Laden, deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf mich und erklärte allen Kunden und vorbei hasteten Passanten:
"Ha, ha, das ist der größte Trottel den ich je gesehen habe!"
Ich stand wie vom Donner gerührt da. Was hatte ich dieser Frau getan, dass sie mich einfach so beschimpfte? Musste ich mir das bieten lassen? Im ersten Moment war ich wie gelähmt und starrte sie wie blöde an. Mein Gesichtsausdruck hätte bestimmt für die Einweisung in eine Klappsmühle wegen offensichtlicher Idiotie gereicht, wenn gerade ein Arzt in der Nähe gewesen wäre.
Ich wollte sie schon anfahren was sie sich überhaupt einbildet und auf der Stelle kehrt machen und nach hause fahren als mein Schwager aus dem Laden kam und mir die Kasse mit dem Wechselgeld überreichte. Er hatte zwar im Laden nicht verstanden was seine Mutter zu mir gesagt hatte, merkte aber wohl an meinem Gesichtsausdruck das etwas nicht stimmte.
"Mach dir nichts draus," sagte er ohne zu wissen um was es eigentlich ging. "Mutter ist nun mal so, da kannst du nichts ändern.
Wortlos drehte ich mich um, ging durch den Hausflur in den Hof und trug ebenso wortlos die ersten Tannenbäume an meiner Schwiegermutter vorbei und stellte sie vor den Laden. Schließlich hatte ich meiner Frau versprochen mit ihrer Mutter nicht zu streiten,  was in der Vergangenheit schon mal vorgekommen war weil wir beide wohl ziemliche Dickköpfe waren.
Trotzdem war ich stinksauer und würde meine Frau am Abend bitten, sie solle ihrer Mutter erklären, dass sie sich ab nächsten Morgen einen anderen Trottel suchen müsse.
Den ganzen Tag über sprach ich mit ihr kein Wort und ging ihr geflissentlich aus dem Weg. Das angebotene Mittagessen und diverse Getränke lehnte ich mürrisch mit einem Grunzen ab und versorgte mich aus dem benachbarten Imbiss mit dem Notwendigem.
Meine Pausen verbrachte ich nicht wie angeboten in ihrer Wohnung  sondern setzte mich in die auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindliche Kneipe "Tonndorfer Burg".
Zum Feierabend rechnete ich mit meinem Schwager ab und fuhr - immer noch stinksauer -  nachhause.
"Na wie war dein erster Tag als Weihnachtsmann?" begrüßte mich meine Frau.
"Mein erster und mein letzter!" entgegnete ich ihr wütend. "Deine Mutter hat zu mir gesagt, ich sei der größte Trottel den sie je gesehen hat, und du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich morgen wieder dort hin gehe!"
"Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Sie hat zwar ihre Ecken und Kanten, aber das würde sie bestimmt nicht sagen. Oder hast du sie vorher gereizt?"
"Nichts habe ich. Gar nichts!" bellte ich sie an und ging ins Badezimmer um mich durch ein langes und heißes Bad aufzuwärmen. Als ich die Tür hinter mir zu machte, hörte ich noch wie im Wohnzimmer das Telefon läutete.
Ich hatte es mir gerade in der Wanne mit dem wohlig warmen Wasser gemütlich gemacht, als meine Frau lachend die Tür öffnete, meine Pudelmütze in der Hand hielt und fragte: "Hattest du diese Mütze heute auf?"
Ich nickte und sah sie fragend an.
"Ich glaube du bist wirklich ein Trottel, so wie du dich heute benommen hast:" lachte sie weiter, "Denn du hast wieder einmal nicht richtig hingehört. Und meine Mutter hat recht. Dies ist auch für mich der größte Troddel den ich je gesehen habe."
Und dabei deutete sie auf große Bommel an meiner Pudelmütze.
Es viel mir wie Schuppen von den Augen. Meine Schwiegermutter hatte den norddeutschen Troddel mit weichem "d" - und nicht den Trottel mit hartem "t" gemeint. Jetzt kam ich mir ganz schön dämlich - oder sollte ich besser sagen - trottelig vor.
Noch heute zucke ich unwillkürlich zusammen wenn in meiner Umgebung das Wort Troddel - oder vielleicht doch Trottel - fällt.
 
Ferdinand P. Martin

Viele Jahre später, meine Enkeltochter – heute 28 Jahre alt – mit besagter Pudelmütze

Nach oben 03.12.2011, 17:21 Nach unten

Mischtechniken

Beitrag  Re: Eine Vorweihnachsgeschichte
Danke Ferdinand, das ist eine schöne Geschichte. Ich sah gestern in der Stadt solche
Mützen mit Riesentroddel, wie da auf dem Foto zu sehen. Hatte schon überlegt, ob ich mir mal
eine anschaffe. Ich finde sie jedenfalls ne Wucht... :dopsblau:

:winken: camkar

Nach oben 03.12.2011, 17:33 Nach unten

mein mann

Beitrag  Re: Eine Vorweihnachsgeschichte
köstlich! Bild danke! Bild

Nach oben 03.12.2011, 17:50 Nach unten

Beitrag  Re: Eine Vorweihnachsgeschichte

    Ist das eine schöne Geschichte,
    ich musste richtig schmunzeln während ich sie las.

    :danke1: dass Du sie uns erzählt hast.

    Eine süße Enkelin ist die "Kleine" und der Troddel ist in der Tat 'ne Wucht.

    Wir sagen hier Bommel, da wäre das nicht passiert und wir wären um eine schöne Geschichte ärmer.


Nach oben 03.12.2011, 18:04 Nach unten

Aquarell und Tempera

Beitrag  Re: Eine Vorweihnachsgeschichte
:rofl: eine herrliche Geschichte!

Und bei uns heisst die Mütze "Plümmelmütze"

Nach oben 03.12.2011, 18:08 Nach unten

Aquarell, Tusche, Kohle.

Beitrag  Re: Eine Vorweihnachsgeschichte
schöne Geschichte, von Missverständnissen und noch mehr Missverständnissen.

...und gerade in diesem (noch-nicht-) Winter sehe ich sie wieder. :winken:

Nach oben 03.12.2011, 19:59 Nach unten

Fotografie

Beitrag  Re: Eine Vorweihnachsgeschichte
:rofl: :rofl: :rofl:

Nach oben 03.12.2011, 22:08 Nach unten

Beitrag  Re: Eine Vorweihnachsgeschichte
Martin,das ist wirklich eine sehr nette Geschichte.Vielen Dank dafür :winken:

Nach oben 04.12.2011, 10:43 Nach unten

Acrylund Öl

Beitrag  Re: Eine Vorweihnachsgeschichte
Hallo Martin
Danke für deine wunderschöne Geschichte.
Liebe Grüße Marion :winken:

Nach oben 04.12.2011, 10:49 Nach unten

Aquarell

Beitrag  Re: Eine Vorweihnachsgeschichte
Tja. Das ist eine der Geschichten, die das Leben schrieb. :grins: :rofl: :rofl: :rofl:
Köstlich. Ich muss so lachen, dass ich gar nicht mehr aufhören kann. :rofl: :rofl: :rofl:

Vielen Dank dafür und einen schönen 2. Adventsonntag Euch allen :2advent: mit oder ohne Troddel. :lach: :dopsblau: :lach: :winken:

Nach oben 04.12.2011, 11:32 Nach unten

Beitrag  Re: Eine Vorweihnachsgeschichte
Was für eine lustige Geschichte, wünsche Euch einen schönen 2. Advent mit ein bisschen Besinnung, ich glaube das ist in der heutigen schnelllebenden Zeit nicht unangebracht.

Liebe Grüße Marion

Nach oben 04.12.2011, 12:21 Nach unten
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