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 Chitosan-Tempera - was ist das, und wie lässt sich damit arbeiten? 
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Eitempera

Beitrag  Chitosan-Tempera - was ist das, und wie lässt sich damit arbeiten?
Den ersten Teil der Frage beantworte ich gleich selbst, den zweiten Teil können Kritzelmeister beantworten, die schon damit gearbeitet haben.

Bei der Chitosan-Tempera handelt es sich um ein Malmittel, das wie alle anderen Temperas vor allem aus Öl (Leinölfirnis) und Wasser, in einem "ausgewogenen Verhältnis" besteht. Damit Öl und Wasser sich überhaupt untereinander mischen ("eine Emulsion bilden"), wie es in der Milch, im Blut, in Hautcreme usw. der Fall ist, braucht es einen Emulgator. Solche Emulgatoren sind zum Beispiel Lecithin, Kasein und eben im weitesten Sinne auch Chitosan.

Mit einer Tempera lässt sich auf einfache und besonders preiswerte Weise eine "wasservermalbare Ölfarbe" herstellen, in dem man Pigmente hinzufügt. Bilder aus Temperafarben sind nachweislich sehr haltbar, teilweise über Jahrtausende.

Prinzipiell könnte man eine Eitempera herstellen, indem man Öl, Wasser und etwas Lecithin mischt (emulgiert). Da die Technik aber bereits sehr alt ist und damals Lecithin noch nicht sepatiert werden konnte, nimmt man der Einfachheit halber den Eidotter oder das vollständige Ei, die bestehen sowieso zum größten Teil aus Wasser und Öl.

Chitosan wird aus den Panzern von Krabben gewonnen, genauer gesagt aus dem Chitin. Aus Chitin sind auch die Panzer von Käfern, und es kommt in Zellwänden bestimmter Pilze vor. Das Chitosan entsteht durch ein chemisches Verfahren.

Chitosan hat neben viele anderen positiven Eigenschaften vor allem die Eigenschaft Fett (Öl) zu binden - bis zum 800-fachen des Eigengewichts. Aus diesem Grund wird es unter dem Handelsnamen "Formuline L112" als Abnehmmittel angeboten. Dass Chitosan, so wie angekündigt, das Fett im Essen bindet und so dem Körper entzieht und zu Gewichtsreduktion führt, ist allerdings nicht nachgewiesen. Chitosan ist außerdem blutstillend, kommt in speziellen Zahnpasten vor, wird in Kläranlagen und bei Ölunfällen eingesetzt, und es lässt sich in Schulversuchen eine Art Bio-Kunststoff herstellen. Es ist vor allem gesundheitlich und ökologisch unbedenklich und, wie gesagt, es wird aus Abfällen hergestellt.

Eine unter den vielen Einsatzmöglichkeiten ist die als Emulgator in einer Tempera. Da Chitosan das Öl besonders gut bindet, können Chitosan-Temperas fast grenzenlos mit Wasser verdünnt und lasierend aufgetragen werden. Fügt man viele Pigmente hinzu, kann man die Farbe pastös verarbeiten.

Chitosan-Tempera unterscheidet sich geruchlich von der Eitempera. Außerdem trocknet sie etwas schneller auf. Sie lässt sich zusammen mit Eitempera und Acryl verarbeiten, sogar mischen.

Wie bei allen Temperas ist das eigentliche Bindemittel das enthaltene Öl, das nach ein paar Wochen oxidiert und dadurch einen beständigen Film bildet. Das Chitosan wirkt sich auf diesen Film zusätzlich positiv aus. Tempera als Bindemittel bringt Farben besonders gut zur Geltung. Die Bilder haben einen recht matten Glanz.


So und jetzt bin ich gespannt auf Erfahrungen bei der Verarbeitung.

Frohes Schaffen!

Wolfgang

Nach oben 06.03.2013, 08:05 Nach unten

Aquarell

Beitrag  Re: Chitosan-Tempera - was ist das, und wie lässt sich damit arbeiten?
Dann mach ich mal den Anfang der Chitosan-Verbraucher :D
Leider bleibt mir momentan keine Zeit, um in Ruhe mal zu malen und deswegen bin ich derzeit auch ziemlich unaktiv im Forum :roll:

Aber bald geht es ja wieder ins Kloster in Zell a. Harmersbach, um eine kleine Auszeit mit Malen bei Veronika und Wolfgang zu nehmen :D

Meiner Erfahrung nach oxydiert bzw. trocknet Chitosan etwas schneller als Eitempera. Es riecht leicht zitronig und angenehmer als Eitempera, die ja bei vielen auf Widerstand wegen des etwas muffigen Geruchs (ist aber individuelle Ansichtssache) stößt. Und tatsächlich wirken die Farben nach dem Auftragen und Trocknen glänzender als mit Eitempera gemalt. Das ist Geschmackssache, je nach dem, was man erzielen möchte.

Von der Verarbeitung her ist das Chitosan halt auch einfacher, weil schon fertig. Es steht direkt zur Verfügung und kann mit Pigmenten gemischt und bei Bedarf mit Wasser verdünnt werden. Wogegen man bei Zubereitung frischer Eitempera doch erst einmal das Bindemittel herstellen bzw. mischen muss. Das kostet aber auch nur ein paar Minuten. Dann gibt es auch noch die fertige Trocken-Eitempera von Pigmenttankstelle, ebenfalls eine Alternative.

Dennoch macht es mit allen drei Bindemitteln sehr viel Spaß zu arbeiten. Das Mischen mit den Pigmenten ist schon fast ein Zeremonie :D

Und wenn man einigermaßen ein Auge für hat, kann man sich die Farben eben nach dem tatsächlichen Bedarf mischen, ohne später die Restfarben wie z.B. beim Acryl wegwerfen zu müssen (weil angetrocknet).

Ich konnte bei übergebliebenen Resten meist noch bis zu 2 Tagen mit den angemischten Farben malen. Etwas Wasser drauf und abgedeckt, sind sie auch am nächsten Tag noch verwendbar. Sowohl bei Chitosan als auch bei der Eitempera. Der Vorteil ggü. z.B. Acryl ist, dass man die Farben auch noch nach 2-3 Tagen einfach abwaschen kann. Nicht nur, um schöne Sturkturen (z.B. in der Schichtenmalerei) zu erzeugen, sondern auch gemachte Fehler rückgängig zu machen (statt zu übermalen) und neu anzufangen.
Bei meinem Blues Brothers-Acrylbild (Acrylbinder und Pigmente) ist mir dieser Vorteil von Chitosan und Eitempera noch einmal richtig bewusst geworden. Acryl trocknet viel zu schnell, um evtl. Fehler ausbüchsen zu können. Hier bleibt nur "Übermalen". Auch sind bei Acryl nicht so schöne Effekte möglich, die man mit einem trockenen Pinsel oder sonstigen Gegenständen wie Spachtel und Co. noch nach zig Stunden erzeugen kann.
:winken:

Nach oben 08.03.2013, 14:32 Nach unten

Gouache, Eitempera u.a.

Beitrag  Re: Chitosan-Tempera - was ist das, und wie lässt sich damit arbeiten?
Dann mach ich mal weiter.

Ich hab im Dezember erstmals mit Eitempera und Pigmenten experimentiert. Die Farbbrillianz der selbstangerührten Farben hat mich begeistert. Allerdings fand ich den Greuch unangenehm (meine Tochter meinte "fischig") und bin mit dem Verhalten der Farbe - vermischt sich auf dem Untergrund bei kräftiger Pinselführung noch nach Tagen - auf Anhieb nicht gut klargekommen.

Dann habe ich von Wolfgang eine Chitosamtemperaprobe erhalten.
Sehr gut hat mir der Geruch gefallen. Der ist frisch und angenehm. Auch die Konsistenz war sehr angenehm, habe verschiedene Verdünnungsstufen ausprobiert. Also von der Verarbeitung war mir die Chitosantempera lieber als die von mir angerührte Eitempera (vielleicht ist da aber mit Ausprobieren auch noch Steigerungspotential).

Ich habe aber gemerkt, dass ich (wenn auch durch das schnellere Trocknen gegenüber der Öl/Eitempera, was angenehm ist) ein grundsätzliches Problem mit der Tempera habe. Mir "entgleiten" die Farben. Ich meine damit, dass die Farben auch nach einem ersten Trocknen schnell wieder anlösen und sich dann auf der Leinwand vermischen. Ich weiß, das wird gerade als Vorteil betrachtet, ich komme damit nicht klar.

Als jemand, der intuitiv und "planlos" malt, für den Malen oft Farbe, Bewegung und innerer Prozess ist, brauche in wenigsten bei den Farben etwas Beständigkeit. Ich habe bisher überwiegend mit Gouache Farben von Lascaux gemalt, die zwar auch wieder anlösen, aber dabei eine Verzögerung haben, sodass ich selber bestimme, wann es zu Vermischungen kommt und wann es deckend oder lasieren drüber geht. Das gelingt mir mit der Tempera nicht. Da bestimmen die Farben. Ob das eine Frage der Übung ist?

Als Fazit also: die Chitosantempera wäre mein Mittel der ersten Wahl, wenn ich weiter in der Temperamalerei unterwegs sein sollte. Zumindest solange, bis ich mehr Erfahrungen hätte, den grundsätzlich war der Gedanke bei Tempera für mich, die Farben (komplett) selber anzurühren. Das fasziniert mich.

Liebe Grüße
Julia

Nach oben 12.03.2013, 10:15 Nach unten

Eitempera

Beitrag  Re: Chitosan-Tempera - was ist das, und wie lässt sich damit arbeiten?
Die Ergebnisse eines Wochenend-Malkurses in der Kunstwerkstatt Olma, mit Ei- und Chitosan-Tempera.
Teilweise wurden beide Techniken zusammen mit Pigmenten in Acrylbinder verwendet:

http://www.kunstwerkstatt-olma.de/malku ... nkenbach/#

Nach oben 18.03.2013, 19:28 Nach unten
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