"Kreativität heißt: Erfinden, experimentieren, Risiken eingehen, Regeln brechen, Fehler machen und Spaß haben." (Mary Lou Cook)




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 Ölmalerei ohne Gestank und Chemie 
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Eitempera

Beitrag  Re: Ölmalerei ohne Gestank und Chemie
Hallo Uschi,

ich habe gut Nachricht! Ölmalerei ohne Gestank geht! Ohne Chemie geht es nicht (ist nicht alles irgendwie Chemie), aber mit rein natürlichen Zutaten und vor allem ohne Konservierungsstoffe.

Wenn Dein Mann und Dein Sohn Allergiker sind, würde ich vor allem ganz schnell weg gehen von Acrylfarben. Gerade gegen Konservierungsstoffe (Fungizid ist in JEDEM Acryl) gibt es häufig Allergien. Wir kennen hier im Ort einen Malschülervater, der stark gegen Weichmacher (auch in JEDER Acrylfarbe) allergisch ist. Wenn es sich um solche Allergien handelt, würde ich sogar beim Wändestreichen auf Acryl-Wandfarbe verzichten. Acrylfarbe ohne Konservierungsstoffe geht nicht. Sie wäre wegen des enthaltenen Wassers nach einigen Tagen faulig.

Es gibt eine Form der Ölfarbe, die wasserlöslich ist. Pinsel können auch zwei, drei Tage nach dem Malen mit Wasser und Kernseife ausgewaschen werden. Verdünnt wird mit Wasser. Man kann dick auftragen oder lasieren - je nach dem. Es sind sogar Techiken möglich, die mit anderen Bindemitteln nicht möglich sind. Zum Beispiel kann man Farbschichten auftragen, die man auch noch am Tag danach mit Wasser und einem Schwamm, oder auch mit dem Wasserschlauch teilweise wieder abnehmen kann. Mit reine Ölfarbe ist das undenkbar, man bräuchte Unmengen von Terpentin und bei Acryl braucht man Verzögerer und muss sich trotzdem tierisch beeilen.
Obwohl diese Form der Ölfarbe lange BEarbeitbar ist, trocknet sie an der Oberfläche rasch. Man kann also auch "schnell" malen, Schicht-auf-Schicht. Wenn man etwas fester drückt, löst man die alte Schicht wieder an und malt nass-in-nass.

Die Form der Ölfarbe, von der ich rede heisst Eitempera. Sie hat auch den Vorteil, dass die Bilder tausende von Jahren halten (nachweislich!). Und jetzt kommt der Hammer: Es ist das preiswerteste Bindemittel!

Es gibt Eitemerarezepte, in denen Dammarharz und Terpentin vorkommt, aber die muss man ja nicht nehmen. Das einfachste: 1/3 Hühnerei, 1/3 Leinölfirnis, 1/3 Wasser. Alles sind natürliche Stoffe, die genießbar bis wohlschmeckend sind. Die Farben, die aus Eitempera und Pigmenten hergestellt werden, haben eine besondere Leuchtkraft und Lebendigkeit, die mit Acrylfarben nicht machbar ist.

Für die Industrie hat Eitempera den Nachteil, dass sie ohne Konservierungsmittel nicht im großen Stil herstellbar ist. Daher wurde sie vom Markt verdrängt. Wir stellen beim Malen natürlich immer nur kleine Mengen her und benötigem keine Konservierungsstoffe.

Einen ganz kleinen Haken gibt es aber doch: Leinölfirnis und damit die Eitempera ist nicht geruchlos. Der Geruch ist nicht schädlich, für manche aber nicht angenehm. Ich persönlich rieche es sehr gerne, weil es für mich ein Geruch der Kindheit ist. Früher hat es in jeder Schreinerei nach Leinölfirnis gerochen und Rolläden wurden ausschließlich damit behandelt. Aber auch hier gibt es Abhilfe. Es handelt sich um eine Chitosan-Tempera. Chitosan wird aus Chitin hergestellt, und das wiederum kommt in Krabbenschalen vor. Chitosan ist praktisch in aller Munde, weil in vielen Zahnpasten enthalten oder im Klärwerk oder im Wundverband oder oder oder... In der Zubereitungsvariante L112 (Formoline) soll es beim Abnehmen helfen (teuer und Quatsch). Chitosan-Tempera riecht leicht nach Zitrone, etwa wie ein Spülmittel. Chitosan-Tempera benötigt keine zusätzlichen Konservierungsstoffe. Sie lässt sich verarbeiten wie Eitempera (trocknet etwas schneller) und mit dieser mischen und mit Ölfarbe mischen und mit Acrylfarbe mischen, sogar mit Acryl-Strukturpaste .... Für "biologische" also antiallergene Wandlasuren ist Chitosan-Tempera bestens geeignet.
Allerdings kenne ich einen einzigen Hersteller der Chitosan-Tempera und nur zwei Vertriebsstellen. Eine davon ist dieser Herstelle, die andere bin ich selbst. Ich werde mit Adrian sprechen, dass er Chitosan-Tempera von Anfang an im Kritzelmeistershop anbietet.

Frohes Schaffen!

Wolfgang

Nach oben 06.08.2011, 08:52 Nach unten

Beitrag  Re: Ölmalerei ohne Gestank und Chemie
Hallo Wolfgang vielen vielen Dank für Deinen ausführlichen Beitrag. Das ist ja total interessant. ICh bin unglaublich froh, dass Du mir das mit der Acrylfarbe sagst :logisch: - denn möglicherweise spielt diese eine Rolle beim Asthma meines Mannes. ICh war bisher im Glauben, Acryl ist harmlos, das macht ihm bestimmt nichts.
So liegt es klar auf der Hand für mich Ei-Tempera - das i s t es :klasse: . ICh habe auch bereits den Ei-Temperathread aufmerksam gelesen und ich bin begeistert und überzeugt.
Preiswert, ungiftig und super im Gebrauch.
Ich denke ich werde mich für die Leinölvariante entscheiden, denn den Geruch mag ich eigentlich gerne und das ist ja etwas komplett natürliches.
Also kaufe ich mir lieber Pigmente und starte demnächst mit Ei-Tempera.
Danke Wolfgang !!! :bluemchen:

Nach oben 06.08.2011, 12:01 Nach unten

Öl, Mischtechnik

Beitrag  Re: Ölmalerei ohne Gestank und Chemie
danke für diesen interessanten beitrag, wolfgang!

hab ich mir doch gleich gedacht, dass die acrylfarbe soooo harmlos auch wieder nicht sein kann, denn für meine begriffe hat die sehr wohl ausdünstungen. das sind dann wahrscheinlich die von dir erwähnten mittelchen. ich sag halt immer: das ist plastikfarbe... :mrgreen:
ok, ich verwende sie auch, hochwertige farben geben schon was her, wie die von schmincke oder lasceaux.

die eitempera gerädt bei mir auch immer wieder in den hinterkopf, dabei würd ich das so gern mal probieren...

derzeit mal ich nur eher eilig, weil ich nicht so viel zeit dafür hab. aber wenn ich mal genug muße hab um mir selber farben zu machen... :D

uschi, ich löse das pinselwaschproblem derzeit meistens so, dass ich für jeden farbton einen eigenen pinsel verwende, dann musst du sie zwischendurch auch nicht auswaschen.
und eine qualitativ hochwertige ölfarbe riecht zwar ein wenig (für mich nicht unangenehm), aber sie enthält keine lösungsmittel oder füllstoffe.
die super hochwertigen wie die harzölfarben von mussini (schmincke) sind von einer konsistenz, die du auch unverdünnt verwenden kannst, so dass auch dünne lasuren gehen. die mache ich außerdem in der regel mit einem borstenpinsel, da man die farbe damit schön vertreiben kann. ist das noch nicht fein genug, helfe ich mit dem lappen nach.

ich habe auch einen hervorragenden pinselreiniger, der nicht stinkt, und zwar den öko-pinselreiniger von guardi. der löst selbst tagelang vergessene und eingetrocknete farbreste aus pinseln.

ich behandle sie aber immer mit kernseife nach.

Nach oben 06.08.2011, 13:22 Nach unten

Acryl, Öl, Graphit

Beitrag  Re: Ölmalerei ohne Gestank und Chemie
Beitrag: Re: Ölmalerei ohne Gestank und Chemie - 05.08.2011, 07:04 mozartkugel hat geschrieben:
Bitte wie kannst du in dünnen Schichten malen, wenn du nicht verdünnst? Wie lasierst du? Was mache ich falsch, dass ich verdünnen muss? :mhh:


Also ich streiche die Ölfarben nicht wie Acrylfarben auf, sondern male meistens sehr dünn, also "verreibe" die Farbe auf dem Malgrund ( bei "Nici kleiner Step", kann Du das beim zweiten Bild gut sehen wie dünn die Schicht ist) und das dann in mehreren Schichten.
Lasuren kann man genauso machen, am besten mit transparenten o. halbtransparenten Farben. Was man auch noch
machen kann, ist die Farbe auf der Palette mit einem Spachtel gut zu verreiben, dann erwärmt sie sich etwas und wird geschmeidiger :winken:

Nach oben 06.08.2011, 14:41 Nach unten

Acryl, Öl

Beitrag  Re: Ölmalerei ohne Gestank und Chemie
Danke liebe Happy, ich werde es ausprobieren. :winken:

Nach oben 06.08.2011, 17:02 Nach unten

Eitempera

Beitrag  Re: Ölmalerei ohne Gestank und Chemie
Achtet auch bei den Acrylfraben auf gute Qualität (egal ob Künstler- oder Wandfarbe). Die namhaften Hersteller achten darauf, dass das Anteil an Stoffen, die allergen sein können, kleinstmöglich ist.

@vera-s:
Wenn man weiss wie, dann eignet sich Tempera besonders gut zum schnell-mal-zwischendurch-malen-wenn-man-nicht-viel-Zeit-hat: Ein Ei aufschlagen in ein Glas mit Deckel, Leinölfirnis dazu, dann Wasser - schütteln - fertig. Die Pigmente rührst Du ein, während Du mischt. Die Zeit, die Du zum Ei-aufschlagen benötigst, sparst Du ein, weil Du nicht ständig Tuben und Flaschen auf- und zuschrauben musst. Pigmentgläser müssen nicht verschlossen sein. Wenn Du von der reinen Eitempera etwas übrig behältst, kannst Du sie ruhig auf den Kompost schütten.

Frohes Schaffen!

Wolfgang

Nach oben 07.08.2011, 08:16 Nach unten
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