"Ein Bild muss klingen und von einem inneren Glühen durchtränkt sein." (Wassily Kandinsky)




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 Fehler, die wir nicht sehen - Patrick Cavanagh im Interview 
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PC

Beitrag  Re: Fehler, die wir nicht sehen - Patrick Cavanagh im Interview
Die fehlenden Links in obigem Beitrag von Patrick wurden nachgetragen:

Review of amygdala and emotion: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17988930

Perspective: http://www.ski.org/CWTyler_lab/CWTyler/ ... tBrief.pdf

Nach oben 18.10.2011, 05:19 Nach unten

Beitrag  Re: Fehler, die wir nicht sehen - Patrick Cavanagh im Interview
Also erst einmal muss ich feststellen, dass ich in meinen Antworten ihn nirgendwo als Amerikaner bezeichnet habe und selbst wenn es so wäre, bin ich als ein in Spanien langjährig lebender Deutscher gewohnt, dass man meiner ursprünglichen Nationalität keine Bedeutung beimisst. In diesem Sinne fühle ich mich eher als Europäer und Verwechselungen zwischen Österreicher, Schweizer, Deutscher bis hin zu Franzose, bin ich seit langer Zeit gewohnt und es hat für mich keine Bedeutung. Allerdings wenn ich mir vorstelle würde ein Kanadier zu sein, dann würde es mir wahrscheinlich auch nicht gefallen mit einem Amerikaner gleichgesetzt zu werden.

Zuerst einmal zum Thema Steinzeitkunst und Künstler. Jeder Mensch und auch gerade der Steinzeitmensch war und ist sich seiner Vergänglichkeit alltäglich bewusst und aus diesem Bewusstsein, der Endlichkeit des Ichs heraus, entsteht der Wunsch nach Beständigkeit, nach einer Hinterlassenschaft die ihn selbst überdauert.

Ging der Steinzeitmensch auf Jagd um zu überleben, musste er Strategien entwickeln und diese gewann er aus der Beobachtung. Zu diesen Strategien, gehörte auch das Lesen von Zeichen und Spuren. Eine Kratzspur z.B. eines Bären in der Baumrinde ist nichts anderes als eine klare Strichzeichnung auf einem Untergrund und sie zeigte die Präsenz eines Tieres, obwohl es vielleicht diese Spur schon vor Tagen hinterlassen hatte.
Dateianhang:
Bärenspuren.jpg


Diese Zeichnung oder Spur von fünf eingekerbten Linien, ist beständig und überdauert vielleicht sogar den Tod des Bären und doch symbolisiert die Zeichnung immer noch die Präsenz des Bären.

Dieser einfache Kontrast von dunklen Linien auf hellem Untergrund gewinnt eine individuelle Bedeutung, neben der Symbolik einer Hinterlassenschaft.

Auch die Fähigkeit verschiedene Tiere zu unterscheiden war überlebenswichtig. Beobachtet man die Tiere in der freien Wildbahn wird man jedoch selten Gelegenheit haben, diese Tiere vollständig zu sehen. Erst wenn sich die Tiere oder Tierheere z.B. in der Abenddämmerung vor dem Horizont in wiederum einem einfachen Kontrast vor dem Himmel abheben, wird das Tier auf die reine Form reduziert und dadurch eindeutig bestimmbar. Man kann diese gesehenen Formen noch während des Betrachtens z.B. mit dem Finger in der Luft nachzeichnen und zwar genau an der Grenze des Kontrastes zwischen Hell und Dunkel, da dieser Kontrast das Umfahren der Form erleichtert.
Dateianhang:
Elefanten vor Abendhimmel 01.JPG


Will man sich nun über das Gesehene mitteilen so liegt es nahe diese Luftbewegungen oder das innere Nachfahren der Form auf etwas zu projizieren und da man Spuren und Zeichen kennt, also Projektionen, liegt es nahe statt einer Bärenkralle, den eigenen Finger zu nehmen und die gesehene Silhouette in den weichen Sand zu zeichnen. Die Umrandung der Form erleichtert dabei den Wiedererkennungswert bei jedem Betrachter, denn es geht erst einmal nicht um die individuelle Darstellung, sondern um die Form des Tieres an sich.
Dateianhang:
Petroglyphen 02.jpg


Die Zeichnung im Sand verlischt mit der Zeit und will man eine Zeichnung bewahren, so erinnert man sich vielleicht an die Bärenspur am Baumstamm und entdeckt den Kontrast zwischen Hart und Weich und dem damit verbundenen Gewinn an Beständigkeit.

Somit ist für mich der Handabdruck auf dem Felsen das Nachahmen von Tierspuren, aber es ist keine Kopie, sondern das Hinterlassen einer individuellen Spur, verbunden mit dem Bewusstsein der eigenen Existenz. Die Ritzzeichnungen, die sich später zu mit Farbe aufgetragene Linienzeichnungen entwickeln, sind eine Weiterentwicklung der bloßen Spur, hin zur Abbildung des Gesehenen und ihrer steten Individualisierung und hier liegt für mich der eigentliche Evolutionssprung.
Dateianhang:
Handabdruck chauvet 01.jpg

Dateianhang:
Lascaux 01.jpg


Wie ich schon einmal erläutert habe verfügt unser Sehorgan nur über recht eingeschränkte Funktionen, von daher finde ich es nicht erstaunlich das auch die darauffolgende Verarbeitung im Gehirn nach dem Prinzip der Vereinfachung reagiert. Eine komplexe Form will erarbeitet werden und zwar im Zusammenspiel mit dem eigentlichen Sehprozess und ihrer darauf folgenden Weiterverarbeitung. So werden Formen beim Sehen ertastet und mit imaginären Umrandungen versehe, um die Form zu begreifen.

Ein weiteres Beispiel aus der Neurowissenschaft von V. S. Ramachandran vom Center for Brain and Cognition an der University in San Diego, der untersucht hat, warum eine skizzierte Aktzeichnung oft viel ansprechender wirkt als ein farbiges Foto und dabei herausfand, das durch die begrenzte Aufmerksamkeitskapazität unseres Gehirns, die sich normalerweise auf die wichtigste Information richtet, durch zu viele untergeordnete Informationen, wie Farbe, Schattierungen usw. abgelenkt wird. Somit kommt jedes Element nur abgeschwächt zur Geltung und die Konturen des Körpers werden nicht in der gleichen Intensität erfasst, wie es bei der Aktzeichnung der Fall wäre.

Offensichtlich ist also auch unser Gehirn bestrebt, visuelle Eindrücke zu vereinfachen und der einfachste begreifbare visuelle Eindruck ist der Kontrast zwischen Hell und Dunkel. Silhouetten und Linien sind die einfachste Formel zur Darstellung dieses Kontrastes.

Ein weiteres Beispiel aus der Alzheimer-Forschung. Hier wurden die Zeichnungen von Carolus Holst, ein bekannter Werbegrafiker der Nachkriegszeit, dem 1980 Alzheimer diagnostiziert wurde, im Laufe seiner Krankheitsentwicklung untersucht. Die immer weiter eingeschränkten Hirnfunktionen, führen offenbar zur Reduzierung des Gesehenen und damit auch zur Vereinfachung des Zeichenstils.
Dateianhang:
Carolus Horn gesammt.jpg


An weiteren Beispielen wären noch zu benennen, Kinderzeichnungen, Zeichnungen von Autisten, Personen mit Schädigungen des Frontallappen usw.

Zum Gemälde von Fra Carnevale. Auch ich finde das Gemälde interessant, gehe aber nicht Konform mit der Definition von „Fehlern“ in seiner Darstellung. Wir betrachten das Bild aus unseren heutigen Sehgewohnheiten, vergessen aber dabei die ikonographische Bedeutung und den Symbolgehalt seiner Zeit. Man kann Bilder grundsätzlich aus einer technischen Perspektive betrachten oder aus einer rein ikonographischen, aber nach meiner Überzeugung wird man erst im ausgewogenen Zusammenspiel beider Extreme diesen Bildern gerecht.

Das Erlernen einer stimmigen Perspektive unterlag einer langen Entwicklungszeit, die vor allem physikalische und zeichentechnische Grundkenntnisse forderte. Die Abbildung eines korrekten Schattenwurfs ist aber ungleich schwieriger, da er unter Einbeziehung der Lichtquellen durchkonstruiert werden muss. Aber ich bin der Überzeugung das diese Kenntnisse in den Bildern von Fra Carnevale nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben, denn ihm ging es nicht vordergründig um ein perfektes Abbild, sondern um eine gezielte erzählerische Darstellung, die beim Betrachter, Empfindungen, Stimmungen und geistige Erkenntnisse auslösen sollte. Genau die Wirkungen, die von einem seiner Zeitgenossen Leon Battista Alberti, den er sicherlich kannte, in seinem Traktat „De Pictura“, als oberstes Ziel der Malkunst gefordert wurden. Der Schatten dient in seinen Bildern nicht als Vervollständigung des perfekten Abbilds, sondern als Mittel zur Präsenz oder Unterstreichung. Nehmen wir ein zweites Bildbeispiel von Fra Carnevale, „Presentation of the Virgin in the Temple“ von 1467 aus dem Museum of Fine Arts in Boston, entdecken wir eine ähnliche Behandlung des Schattens.
Dateianhang:
Fra_Carnevale_Presentation_Boston.jpg


Auch hier unterstützt der Schatten die Wichtigkeit und Präsenz der Hauptfigurengruppe, während bei den Nebenfiguren der Schatten nur angedeutet wird.

Ein anderes, noch extremeres Beispiel. Jan van Eyck, Diptychon der Verkündigung, ca. 1433-1435, Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid.
Dateianhang:
van Eyck Verkündigung 1433.jpg


Hier werden der Erzengel Gabriel und die Jungfrau Maria als Skulpturen dargestellt, also ohne Leben und doch wirken sie äußerst lebendig, durch Stilmittel wie die Steinsockel, die aus dem Bild heraus zu ragen scheinen und einem Schattenwurf dessen Lichtquelle sich außerhalb des Bildes befindet, also beim Betrachter. Er kannte also die Wirkung des Schattens und war durchaus fähig diesen stimmig abzubilden und doch hat er auf die Schattendarstellung in vielen seiner Werke fast völlig verzichtet, wie z.B. bei dem Bild Madonna and Child with Chancelor Rolin, Louvre, ca. 1435.
Dateianhang:
van Eyck, Madonna and Child with Chancelor Rolin, Louvre, ca. 1435.JPG


Für mich geht es in dieser Frage nicht um Fehler oder das Vernachlässigen der physikalischen und optischen Gesetze, sondern um die gezielte Nichtanwendungen von Schattenwürfen, die sich aber ikonografisch erklären lassen.

Zu der Frage von Impressionismus und Amygdala, sowie Giorgio Kienerk äußere ich mich später…

Nach oben 18.10.2011, 20:08 Nach unten

PC

Beitrag  Re: Fehler, die wir nicht sehen - Patrick Cavanagh im Interview
Beitrag: Re: Fehler, die wir nicht sehen - Patrick Cavanagh im Interview - 18.10.2011, 20:08 arte60 hat geschrieben:
Also erst einmal muss ich feststellen, dass ich in meinen Antworten ihn nirgendwo als Amerikaner bezeichnet habe.


Kurz zur Klärung: Ich denke das bezog sich auf den Original-Artikel des ORF:
ORF hat geschrieben:
Der US-Psychologe Patrick Cavanagh erforscht die Regeln...


:winken:

Nach oben 18.10.2011, 20:15 Nach unten

kritzelkram

Beitrag  Re: Fehler, die wir nicht sehen - Patrick Cavanagh im Interview
Hallo,

schönes spannendes thema...

Hat mich an meine späte jugend erinnert, da gabs mal ein funkkolleg kunst, da haben sich hochkarätige experten über das narrative moment des schweigens in der postmoderne unterhalten. Hab zunächst sehr gelacht, bis ich gemerkt habe, die meinen das wirklich sehr ernst und wollen auch ernst genommen werden... Wo das doch jeder studie im ersten semester lernt, wenn er kommunikation oder sowas ähnliches hört...
Ich habs als damals jedenfalls als realsatire empfunden...

Irgendwie gehts mir hier ähnlich...

Unter den worthülsen hier im forum ist mir eigentlich kontext die liebste, aber die ist bislang glaubich noch nicht gefallen, obwohl das hier angebracht wäre...

Andreas hats angesprochen, kontext des kwattroschento und wahrnehmungstheoretische erkenntnisse/theorien des 21. jh. passen nicht in dieselbe schublade...

Es gibt den schönen satz von corinth, kunst sei: unwirklichkeit üben (hab ich glaubich schonmal zitiert) und van gogh hat, sinngemäss, gesagt, er möchte lernen, so zu lügen, dass seine bilder wahr erscheinen (erschienen?) ... und ein belgischer maler hat unter sein bild mal druntergeschrieben, "dies ist kein apfel"

Ich hatte vor diversen jahren die möglichkeit, die hauptwerke edward hoppers im original zu sehen, der ja als der säulenheilige des realismus gilt, und habe dabei festgestellt, dass ich noch nie bilder gesehen habe, die dermassen (bewusst/kalkuliert) falsch gemalt sind...

Vielleicht sollte man dieses gestalterische bewusstsein (unter berücksichtigung des kontextes) auch den frühen künstlern zugestehen...

Gruss Hermann r.

Wir stehen auf den schultern von riesen...
wir sehen weiter, sind aber zwerge...
:grins: :winken:

der begriff "fehler" ist irgendwie präjudizierend, scheint mir...

Nach oben 18.10.2011, 21:38 Nach unten
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