"Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein." (Theodor W. Adorno)




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 Kunst und Kirche, watn dat? 
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Beitrag  Kunst und Kirche, watn dat?
Da hab ich doch einen recht interessanten Artikel in der Frankfurter Rundschau gefunden und da ich mich nun erst mal wieder verstärkt in der deutschen Kulturszene umschaue, war mir der Aufruf oder Ermahnung der Katholischen Kirche an die Künstler wieder zum „rechten Maß“ zurückzufinden völlig entgangen! So würde es mich interessieren was ihr von diesem Aufruf haltet oder wie ihr dazu steht.

LG :flaggede:
Andreas

Nach oben 08.09.2012, 21:54 Nach unten

PC

Beitrag  Re: Kunst und Kirche, watn dat?
Danke Andreas!

Das Thema ist allein schon sachlich recht komplex. Die Trennung von Kirche und Staat ist zwar ein alter Hut, trotzdem gibt es spezielle Gesetze die den Glauben und entsprechende Institutionen besonders unter Schutz stellen. Hier ist insbesondere der §166 StGb "Gotteslästerung" zu nennen, der regelmäßig mit der grundgesetzlich-verankerten Freiheit der Kunst konkurriert und die Gerichte beschäftigt.

Zu obigen Auslassungen der katholischen Kirche und deren Vorstellungen, was Kunst zu sein hat und wie sie gefälligst sein sollte, kann ich nicht erkennen in wiefern das einen Anspruch auf Berechtigung haben sollte. Auch scheint es mir hierbei ein starkes Kompetenz-Gefälle zu geben, da historisch das unmittelbare Kunstspektrum der Kirche sich doch nahezu ausschließlich auf reine Selbstdarstellungen und Bibelszenen begrenzte. Kunst war für die Kirche immer nur etwas Zweckdienliches, und das hat sich eben seit ein paar Jahrhunderten gewandelt. Da könnten auch Vegetarierverbände ein Verbot von Tierportraits fordern, man solle doch bitte ausschließlich Landschaften und Blumen malen - das hätte in meinen Augen dieselbe inhaltliche lächerliche Relevanz.

Die Probleme der katholischen Kirche mit der Kunst und artverwandten Disziplinen zeigt sich in letzter Zeit auffällig verstärkt. Man erinnere sich z.B. an die Äußerungen des Kölner Kardinal Meisner anno 2007 zu "entarteter Kunst" - nur weil sie ihm nicht in sein Weltbild passte. Ein guter übergreifender Artikel dazu in der "Welt". Kürzlich kam das Satiremagazin "Titanic" in den Genuss einer päpstlich angeordneten einstweiligen Verfügung und musste den Verkauf einer Ausgabe einstellen, da der Kirche das dortige Titelbild mit dessen Konterfei und entsprechenden Anspielungen nicht gefiel (war aber eine extrem gute Werbung für das Magazin, und ging weltweit durch die Schlagzeilen). Inzwischen hat die Kirche übrigens nach Monaten eingelenkt: http://www.abendblatt.de/hamburg/articl ... siegt.html.

Nun geht es hier wie zumeist um den Tatbestand von "Blasphemie". Interessanterweise hat der Vatikan letztes Jahr noch ein spezielles Gesetz in Pakistan stark kritisiert und forderte dessen umgehende Abschaffung! Dort wurde eine Christin zu Tode verurteilt, da sie angeblich abfällige Bemerkungen über den Propheten Mohammed äußerte (http://www.faz.net/aktuell/politik/ausl ... 75105.html). Dem schließe ich mich an und fordere die weltweite Abschaffung sämtlicher Blasphemie-Gesetze, die auch in Deutschland zu einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren führen! Die UNO hat übrigens festgestellt: Es gibt ein Recht auf Blasphemie. Die Gewissensfreiheit wird dabei höher gestellt als institutionelle oder fanatische Glaubensgrundsätze.

Um dabei keinen Religionskrieg zu entfachen kann man das eigentliche Problem auf eine simple Lösung reduzieren: Eine Kirche oder Sekte ist eine Organisation wie jede andere auch, deren Meinung sie gerne äußern darf, solange sie damit nicht aus reinen Sentimentalitäts- oder Machtpolitikgründen die Freiheiten anderer massiv beschneidet - was hier gegeben und entsprechend zurückzuweisen ist. Wenn jeder Mensch glaubt was er will, und anderen wiederum ihren eigenen Glauben lässt, genauso wie jeder Mensch seine eigenen Überzeugungen und Weltbilder hat, dann gibt's auch keine Probleme. Daher wärs wirklich überlegenswert, die selbstverständliche Kopplung von Kultur und Religion mal wieder etwas zu lockern, nicht mehr vom "Kampf der Kulturen" zu reden sondern vom Jahrtausende alten "Problemkind Religion", und den Glauben endlich zu dem zu erklären was er tatsächlich ist: Privatsache.

So, das war der Roman zum Abend und das Wort zum Sonntag, gibt's Kommentare? :D

Nach oben 08.09.2012, 23:29 Nach unten

Fotografie

Beitrag  Re: Kunst und Kirche, watn dat?
Jawoll! Das unterschreib ich!
Gerade die Kirche, speziell die katholische, hat soviel Leid über die Menschheit gebracht mit ihrer Machtgier. Die größten Blasphemiker sind doch ihre Köpfe: Gottes Stellvertreter, Erfüllungsgehilfen des Willen Gottes. Anmaßung...

Staat und Kirche gehören rigoros getrennt. Es gibt Dringenderes, um das sich die Kirche kümmern könnte, was eigentlich auch ihre Sendung ist. Die Kunst kommt ohne ihr Kuratel aus.

Nach oben 09.09.2012, 00:42 Nach unten

Beitrag  Re: Kunst und Kirche, watn dat?
Nun ja, ich habe mich eigentlich ein wenig gewundert, dass solche Themen überhaupt noch eine Rolle spielen im 21. Jahrhundert und sogar bis vor den Kadi gezogen werden. Schaut man sich in der Kunstgeschichte um, dann wird man feststellen müssen, das sich die kirchlichen Bestrebungen der Kunst einen Maulkorb zu verpassen, sich durch sämtliche Jahrhunderte zieht, wobei ein Rechtsstatus des Künstlers in früheren Zeiten nicht existierte. So war es noch bis ins 19. Jahrhundert hinein üblich, das öffentliche Ausstellungen einer direkten kirchlichen Zensur unterlagen, jedoch gibt es auch zahlreiche Beispiele von Künstlern die wussten wie man mit dieser Zensur umgehen musste. Von Arnold Böcklin ist z.B. überliefert das er in seinen Ölbildern mit Darstellungen von nackten Körpern, vor der Sichtung durch die Zensurbehörde, bestimmte Körperteile mit Temperafarbe übermalte, um sie nach der erfolgten Genehmigung durch die Zensurbehörde, wieder abzuwaschen.

Noch bis 1966 existierte der römische Index hauptsächlich für Schriftgut, das nicht im Einklang mit der Kirche stand und dieser Index führte dazu, das es für viele aufklärerische Autoren zu einer Ehrensache wurde auf dem Index zu landen, so wie der Index selber zu einer perfekten Auflistung der Bücher wurde, die man unbedingt lesen sollte, was letztendlich dazu führte das die Kirche ihren eigenen Index auf den Index setzte! Dies nur als Beispiel zur Effizienz der kirchlichen Bestrebungen direkten Einfluss auf künstlerische Ausdrucksformen zu nehmen.

Ich glaube allerdings das in unserer Zeit diese kirchlichen Mutationen mit dem Ziel wieder in die Zustände des Mittelalters zurückkehren zu wollen, eher dem Einfluss von einer Minderheit der ewig gestrigen zu verdanken ist, die leider das Zepter in der Hand halten, während die Mehrheit der Kleriker sich still verhält.

In den 90iger Jahren wurde ich einmal von Dr. Josef Homeyer, Erzbischof von Hildesheim, zu einem Künstlergespräch eingeladen, was mich zuerst abschreckte, aber da ich nun mal sehr neugierig bin, habe ich dann doch an diesem Treffen teilgenommen (und das als Protestant!). Es war natürlich schon etwas seltsam von diesen Bischöfen und Vikaren beim Tischgespräch umgeben zu sein und natürlich wusste ich überhaupt nicht wie man den Erzbischof eigentlich anspricht. :grins: Aber was mich am meisten erstaunte war dann doch das sehr offene Gespräch zwischen Kunstschaffenden und Geistlichen und das Interesse seitens der Geistlichen sich auch mit kirchenkritischen Thematiken auseinanderzusetzen. Ich musste nach diesem Gespräch meine Meinung über den Kleriker schlechthin doch etwas revidieren und bin deshalb der Überzeugung, das solche kirchlichen Zensurbestrebungen wie von Adrian genannt, doch eher der Ausdruck einer erzkonservativen Gruppierung innerhalb der katholischen Kirche ist.

LG :flaggede:
Andreas

Nach oben 09.09.2012, 02:05 Nach unten

Aquarell und Tempera

Beitrag  Re: Kunst und Kirche, watn dat?
Adrian hat es treffend formuliert, so sehe ich das auch. "Blasphemie"-Normen sind überholt und obsolet. :!:

Nach oben 09.09.2012, 07:57 Nach unten
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