"Kunst ist, wenn man's nicht kann, denn wenn man's kann, ist's keine Kunst." (Johann Nestroy)




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 lumpazivagabundus - theater in der josefstadt - 5.4.2012 
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mein mann

Beitrag  lumpazivagabundus - theater in der josefstadt - 5.4.2012
Lumpazivagabundus von Johann Nestroy


Gibt es jemanden, der die Geschichte nicht kennt?
Für diesen sei sie kurz erzählt.
Im Feenreich will Hilaris, der Sohn des Zauberers Mystifax Brillantine, die Tochter der Glücksfee Fortuna heiraten. Doch diese befindet sich im Streit mit der Liebesfee Amorosa und schließt deshalb eine Wette mit ihr ab.
Drei vagabundierende Handwerksgesellen, der Tischler Leim, der Schuster Knieriem und der Schneider Zwirn sollen dem bösen Geist Lumpazivagabundus entrissen werden. Fortuna meint, nur ihr Geld könnte sie befreien, Amorosa ist davon überzeugt, dass dies nur die Liebe kann.
Sollten mindestens zwei von den dreien Fortunas Gaben nicht halten können, hat sie die Wette verloren und muss ihre Einwillung zu der Hochzeit ihrer Tochter geben.

Das liederliche Kleebatt gewinnt mit einem Glückslos 100.000 Taler und beschließt daraufhin ein Treffen nach Jahresfrist.


Zur Inszenierung von Georg Schmiedleitner. Wie vorher schon befürchtet, wieder das gleiche Trauerspiel wie vor ein paar Wochen im Volkstheater. Eine Aufführung, die eher an ein Comic erinnert als an Nestroy: Schrille Bilder mit Sprechblasen. Kein Raum um dem tieferen Sinn der Geschichte über Text und Darstellung auf die Spur zu kommen.

Das Bühnenbild selbst hätte mich diesmal noch nicht so gestört, eine eher karge Darstellung des Universums mit dunklen Wänden und Sternen. Nicht sehr schön, aber zumindest nicht erdrückend. Obwohl die Neonröhren-Dekoration auch hier Einzug gehalten hat.
Echt störend - die laute Live-Musik im Hintergrund der Bühne. Die an und für sich exzellenten Musiker der Sofa Surfers wurden teilweise so laut verheizt, dass ich mir die Ohren zuhalten musste.
Und beinahe selbstverständlich fehlten bei dieser Art von Musik die Couplets, die eigentlich ein wesentlicher Bestandteil jedes Nestroy-Stückes sind.

Was mir persönlich in jedem Fall fehlte: die Spielfreude, die zu einem Nestroy für mich gehört. Hier wird "gearbeitet". Mich wundert es nicht. Wenn ich Schauspieler wäre, könnte ich hier wohl auch keine Freude am Spiel finden.


Ensemble:

Jahrelang hatte ich ein Abo in diesem Theater. Und die Besetzungsliste bot mir im Vorfeld Wiedersehensfreude mit vielen klingenden Namen aus dieser Zeit. Allerdings waren die wunderbaren Schauspieler, die dieses Haus jahrzehntelang getragen hatten, nun in kleinen Nebenrollen besetzt.
Die junge Riege konnte mich nicht überzeugen.

Knieriem, Martin Zauner blieb blass und konturlos. Ich konnte ihm den philosophischen Säufer nicht abnehmen.
Leim, Rafael Schuchter steif bis hin zum holprigen Versuch seiner Bühnensprache Dialektfärbung zu geben.
Einzig Florian Teichtmeister ist einigermaßen überzeugend in seiner Rolle als Zwirn.
Aber wer, wie ich, vor einigen Jahren Karl Markovics in dieser Rolle gesehen hat, ist vielleicht bis an sein Lebensende für andere Zwirns verdorben ...

Die Granden der Josefstadt, Lotte Ledl, Marianne Nentwich, Marianne Chappuis, Gideon Singer und Alexander Wächter blieben ebenfalls weit hinter meinen Erwartungen zurück, aber was sollten sie auch schon in ihren Rollen Tolles zeigen.

Doch überstrahlt und zum Erfolg gepusht wird diese Aufführung von einer grandiosen Erni Mangold als Lumpazivagabundus. Die Frau ist 85, spielt mit künstlicher Glatze und schwarzem, hochgeschlitzten Kleid mit tiefem Rückendekollete diese Rolle als erotischer Vamp. Sie wirft die Beine, wiegt die Hüften und ist so unglaublich, dass mir die Worte fehlen, zu beschreiben, was sie auf die Bühne bringt.
Um ihr zusehen zu können, lohnte es sich, all das andere in Kauf zu nehmen!

Jubelnde Kritiken, aber auch Szenenfotos unter Josefstadt - Lumpazivagabundus
(Leider sind die Szenenfotos des Theaters in der Josefstadt offensichtlich bei einer der Proben gemacht und Erni Mangold hat ihre Glatzenhaube noch nicht auf. Denn sie ist damit absolut toll anzusehen. Und besonders erwähnen möchte ich hier noch ihre erstaunliche Rückenansicht, um die sie viele Frauen, die um einige Jahrzehnte jünger sind, beneiden könnten.)


Ich denke mit Wehmut an die Zeiten, als ich einfach noch gerne ins Theater ging. Dass es mir Freude machte. Heute sitze ich dort und muss mir mit Mühe einen Brocken heraussuchen, der diese Abende nicht zu Zeitverlust deklassiert.
Aber das liegt wahrscheinlich daran, dass ich eine Ewiggestrige bin und mit vielem in dieser vordergründigen Zeitgeistzeit nichts anfangen kann.
Ich denke nämlich auch, dass alle, die Stücke auf diese Art inszenieren wollen, sich heute welche schreiben lassen sollten. Ob diese dann in 100 oder 200 Jahren allerdings noch immer Gültigkeit hätten, wage ich zu bezweifeln.

© evelyne w.

Nach oben 06.04.2012, 11:43 Nach unten

Beitrag  Re: lumpazivagabundus - theater in der josefstadt - 5.4.2012
ich kenne diese Geschichte nicht,aber für mich hat viel Emotionen und Spannung.
Weißt du-frühere Theaterstücke finde ich auch meistens besser,aber vielleicht das liegt nur an unsere Ansicht-Theater hat sich weiter entwickelt nur unsere Ansicht nicht....Oder vielleicht manche können sich nicht so gut hineinfühlen...Und anderseits-einem nachzuahmen der mal sehr gut war ist Herausforderung-manchmal viel zu hohe....Man wird immer daran gemessen....

Nach oben 07.04.2012, 15:45 Nach unten

Aquarell

Beitrag  Re: lumpazivagabundus - theater in der josefstadt - 5.4.2012
Wir haben das Stück einmal in der Schule nachgespielt. :D

Erni Mangold war erst kürzlich bei Stöckl am Samstag. Diese unglaubliche Frau hat nicht nur die Rückenansicht einer jungen Frau. Sie hat mit einer außergewöhnlichen Bescheidenheit der Sendung ein Niveau verliehen, welches heutzutage eine Rarität im Fernsehen geworden ist. Sie ist eine faszinierende Persönlichkeit. :ja:

:danke1: Lintschi fürs Reinstellen. :knuddelbunt: :winken:

Nach oben 07.04.2012, 17:54 Nach unten

Beitrag  Re: lumpazivagabundus - theater in der josefstadt - 5.4.2012
    Danke lintschi,
    danke dass Du mir eine tolle Jugenderinnerung hervor geholt hast.
    Ausgerechnet diese Komödie war meine erste Erfahrung mit dem Theater überhaubt.


    Frohe Ostern, Dir und Deinen Lieben. Bild


Nach oben 08.04.2012, 08:13 Nach unten

mein mann

Beitrag  Re: lumpazivagabundus - theater in der josefstadt - 5.4.2012
hallo, schön, dass ihr auch am theater interessiert seid!

nur zur besseren erklärung:
ich schreibe diese rezis für mich. quasi als fingerübung und um meine gedanken zu formulieren.
besonders gern in zeiten, wo ich sonst nix schreibe ... :roll:
und wenn ich sie dann habe, dann zeige ich sie halt her.
nix anderes ist das.

das mache ich mit vielen erlebnissen, aber nicht alle eignen sich für die öffentlichkeit Bild

es sind halt meine persönlichen eindrücke.

@rosie
ich weiß nicht, ob diese regisseure die herausforderung scheuen. das glaube ich gar nicht. sondern wir leben ja in genau diesem zeitalter. wo einem alles laut und grell in die augen geknallt wird. die sind kinder ihrer zeit.
mich stört halt, dass sie sich dann auch ihre eigenen autoren suchen sollten.
denn dafür bräuchte es den feinen dialog oder den allgemeingültigen witz nicht, der an diesen stücken das besondere ist.
sie verhunzen das klassische sprechtheater mit diesen comic-inszenierungen.
und dafür könnten sie sich doch zeitgenössisches suchen.
das ist wie diese modernen interpretationen der klassischen musik.

aber wer richtet sich schon danach, was ICH denke ... Bild

@tinkerbella:
ja, die erni ... die ist ein hammer! ich bin jahrzehntelanger fan von ihr. da kann man was lernen von dieser frau über entwicklung!
die hat früher nix anbrennen lassen und ist auch so alt geworden. und wie!

ich wünsche euch allen einen fröhlichen osterhasen!

Bild

Nach oben 08.04.2012, 10:28 Nach unten

Aquarell

Beitrag  Re: lumpazivagabundus - theater in der josefstadt - 5.4.2012
lintschi hat geschrieben:
da kann man was lernen von dieser frau über entwicklung!

Oh ja!!! Wie Recht Du hast lintschi. Ich bewundere diese zierliche, starke Frau. :D

Gut, dass Du Deine Gedanken aufschreibst. So haben wir auch etwas von Deinen Theaterbesuchen. :D :knuddelbunt: :winken:

Nach oben 08.04.2012, 12:32 Nach unten

mein mann

Beitrag  Re: lumpazivagabundus - theater in der josefstadt - 5.4.2012
Bild

Nach oben 08.04.2012, 12:39 Nach unten

Beitrag  Re: lumpazivagabundus - theater in der josefstadt - 5.4.2012
Beitrag: lumpazivagabundus - theater in der josefstadt - 5.4.2012 - 06.04.2012, 11:43 lintschi hat geschrieben:
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Ich denke mit Wehmut an die Zeiten, als ich einfach noch gerne ins Theater ging. Dass es mir Freude machte. Heute sitze ich dort und muss mir mit Mühe einen Brocken heraussuchen, der diese Abende nicht zu Zeitverlust deklassiert.
Aber das liegt wahrscheinlich daran, dass ich eine Ewiggestrige bin und mit vielem in dieser vordergründigen Zeitgeistzeit nichts anfangen kann.
Ich denke nämlich auch, dass alle, die Stücke auf diese Art inszenieren wollen, sich heute welche schreiben lassen sollten. Ob diese dann in 100 oder 200 Jahren allerdings noch immer Gültigkeit hätten, wage ich zu bezweifeln.

© evelyne w.


Vielen Dank Lintschi, für diese schöne Zusammenfassung :-) Ich glaube nicht dass du, wie du sagts "eine Ewiggestrige" bist - vielmehr denke ich, dass heute tatsächlich vieles schneller vergänglich - und teilweise vielleicht dadurch auch in gewisser Weise oberflächlicher ist. Das soll jetzt nicht falsch verstanden werden, ich gehöre auch nicht zu den "früher-war-alles-besser-Menschen", aber dennoch denke ich dass so manches in unsere schnellebigen Zeit an Wert verliert - und das eben gerade im Falle der Dinge bei denen Zeit keine Rolle spielen sollte. So habe ich zum Beispiel mit einem schönen alten Erbstück meiner Großmutter meine Liebe zu den Antiquitäten entdeckt, deren Geschichte und "Leben" mir deutlich mehr Ambiente verschafft als ein in 10 Jahren zum Wegwerfen bestimmtes Möbelstück - nur um ein Beispiel zu nennen -.
Gerne mehr von deinen Gedanken!

Nach oben 18.04.2012, 10:08 Nach unten

mein mann

Beitrag  Re: lumpazivagabundus - theater in der josefstadt - 5.4.2012
liebe masin,

danke für dein verständnis.
ja, ich glaube auch nicht, dass früher alles besser war.

aber mich stört, wenn das alte unbedingt in ein neues korsett gepresst werden muss.
sollen sie doch neue theaterstücke schreiben, zeitgenössische und die dann aufführen, wie sie wollen.
da weiß jeder, woran er ist, wenn er ins theater geht.


aber wie komme ich als zahlender besucher dazu, mir von einem regisseur seine interpretation im wahrsten sinne des wortes aufs auge drücken lassen zu müssen?
natürlich muss ich nicht hingehen. und das werde ich halt in kürze wahrscheinlich auch wieder nicht mehr machen.

aber bis dahin will ich wenigstens räsonieren Bild

antiquitäten ... ja sicher auch ein interessantes hobby! viel freude damit!

Nach oben 18.04.2012, 23:52 Nach unten
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