"Alle Menschen haben die Anlage, schöpferisch zu arbeiten, nur merken es die meisten nie." (Truman Capote)




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 William Turner 
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William Turner: Strand von Calais, Niedrigwasser. Französische Poissards beim Einsammeln von Ködern, 1830 (Bild: Bury Art Gallery and Museum, Lancashire) William Turner: Strand von Calais, Niedrigwasser. Französische Poissards beim Einsammeln von Ködern, 1830 (Bild: Bury Art Gallery and Museum, Lancashire)
"Maler der Elemente"
Eine William-Turner-Ausstellung im Hamburger Bucerius-Kunstforum
Von Carsten Probst

Das Werk William Turners wurde in Deutschland bisher nur acht Mal ausgestellt. Das Bucerius-Kunstforum zeigt den Briten nun unter der Überschrift "Maler der Elemente", was angesichts seiner wolkigen Wasserbilder logisch klingt - aber auch ein bisschen fantasielos.

"William Turner - Maler der Elemente": Der Titel der Hamburger Ausstellung klingt wie eine höfliche, etwas langweilige Anpassung an das maritime Ambiente der Hansestadt. Nur kunsthistorisch vorgebildetes Publikum wird hinter diesem Titel auch die Anspielung auf die antike Elementenlehre verstehen, die in ihrer Überlieferung so prägend für die Hochzeit der europäischen Landschaftsmalerei zwischen Renaissance und Klassizismus gewesen ist. Feuer, Wasser, Erde, Luft waren klar voneinander unterscheidbare Aggregatzustände des Immergleichen, eines Kontinuums der Schöpfung, für sie waren feste Plätze reserviert im Formenkanon der Szenen und der Aufteilung des Bildraumes.

Mit dem 18. Jahrhundert und der Einführung der Naturwissenschaften zerfiel die alte Ordnung, aus vier Elementen wurden schnell über 30 und eine immer unüberschaubare Vielzahl der Wechselwirkungen. Es ist die These dieser Ausstellung, dass diese Wandlungen im chemischen Weltverständnis um die Wende zum 19. Jahrhundert auch eine neue Form der Landschaftsmalerei hervorbrachte. Im Gegensatz zu denen von transzendentem Licht durchstrahlten Bildräumen eines Caspar David Friedrichs oder Philipp Otto Runges in der deutschen Romantik waren es John Constable und William Turner in England, die sich in ihren Gemälden dieser neuen Unübersichtlichkeit annahmen.

Bei ihnen werden nicht mehr Landschaftspanoramen durch die Farben geschickt inszeniert, sondern die Natur ergreift gleichsam ihrerseits Besitz von den Farben, zerrt an ihnen, bringt die traditionelle Ordnung des Bildraumes ins Wanken mit einer damals ungekannten Dynamik. William Turner verließ dabei irgendwann in seiner zweiten Lebenshälfte den Boden des damaligen allgemeinen Konsenses, was noch als Malerei gelten dürfe.

Unter dem Einfluss der Bilder Claude Lorraines, vor allem aber seines Italienaufenthaltes von 1819 malte er zunehmend nur noch die Wirkungen von Naturkräften, so als sei die Malerei deren direkte Folge. Der Betrachter scheint sich immer wieder in bis dahin völlig unmöglichen Perspektiven zu befinden: Mitten auf dem Meer in einem gewaltigen Sturm, ohne Schiff oder sonstigen Halt in Sicht. Irgendwo in der Luft schwebend über einem Rest von Landschaft, in deren Farbenspiel sich die ewige Unruhe und Wandlung der Schöpfung spiegelt.

Turner, der nebenbei immer noch relativ traditionelle Landschaftsmotive als Auftragswerke malte, zeigt sich in seinen Tausenden von experimentellen Skizzen besessen von dieser ekstatischen Form der Naturmalerei, einer Art Action Painting, in der sich alles mit allem mischt und die daher in dieser Ausstellung als "fusion" bezeichnet wird. Diese Gemälde preisen ein Mysterium der unerhörten Vielfalt der Natur, der unkontrollierbaren Wirbel ihrer Entwicklung. In manchen bezieht er in diese Naturentwicklung auch die Industrialisierung ein, Maschinen und Fabriken als eine Art Transformation der Gewalten.

Goethes Farbenlehre sekundiert in ihrer Gleichsetzung von Farbe und Wahrnehmung. Alle Naturkräfte lassen sich demnach allein in Farbmischungen ausdrücken, ohne Rücksicht auf figurative Erscheinungen. In den Farbstimmungen verwischen die Grenzen zwischen den Dingen und Zuständen, zwischen Wasser und Land, fest und flüssig, heiß und kalt, licht und dunkel.

Auf späten, abstrakten Gemälden wie "Stormy Sea with Dolphins" (gemalt zwischen 1835 und 1840) sind nur noch Farbwolken, Schlieren, Farbspritzer zu sehen, ohne feste Gestalt oder Form, Oben oder Unten. Das schäumende Wasser ist nur noch eine optische Vorstellung und Schwaden aus Dunkelgrün, Weiß, Ocker und Rot, Blick und Bild, Innen- und Außenwahrnehmung verschmelzen.

Neben hymnischer Verehrung hauptsächlich durch englische Kollegen wie John Ruskin, erfuhr Turner für diese Art der Malerei in Deutschland zeitlebens eher Verachtung. Auch heute noch tun sich in der Hamburger Ausstellung Besucher schwer mit diesen Gemälden: "Das soll ein Bild sein? Man sieht gar nichts." Selten war, so scheint es, ein museumspädagogisches Vermittlungsprogramm bei einem Romantiker so nötig wie hier.

Nach oben 08.06.2011, 10:12 Nach unten

mein mann

Beitrag  Re: William Turner
wenns irgendwo eine turner-ausstellung geibt, dann nix wie hin. der meister des lichts ...
leider ist hamburg viel zu weit weg von mir Bild

Nach oben 08.06.2011, 20:38 Nach unten

Beitrag  Re: William Turner
Ich war vor vielen Jahren in Mannheim in einer Ausstellung von Turner. War schon sehr beeindruckend. Ich war mit meinen beiden Söhnen dort, die zu der Zeit noch Kinder waren und nicht wirklich Spass daran hatten, es war zudem noch sehr voll. Soll heißen, ich konnte die Kunstwerke nicht so geniesen wie ich es mir gewünscht hätte.
Ein großer Künstler.
L.G. Martina.

Nach oben 09.06.2011, 19:56 Nach unten

Beitrag  Re: William Turner
Ich habe gerade nachgeschaut, die Ausstellung in Mannheim war 1995.
L.G.Martina.

Nach oben 09.06.2011, 20:00 Nach unten

Beitrag  Re: William Turner
Mir gefallen die Turner Bilder ausnehmend gut.
Allerdings las ich so etwas wie eine Biografie von ihm, er muss ein sehr seltsamer Mensch gewesen sein. Dunkle Seiten waren angeblich in ihm verborgen, es wurde ihm manches Unschöne nachgesagt, ob es stimmt, wer weiß es?

Nach oben 13.06.2011, 08:34 Nach unten

Acryl

Beitrag  Re: William Turner
Hallo,
das Thema kommt mir ja recht, obwohl 100 km entfernt haben wir am 11.06.2011 die Turner-Ausstellung besucht in Hamburg (ich geb ja zu, am Abend auch Roger Waters mit "The Wall") ich bin schon froh, daß ich mal seine Bilder im Original gesehen habe. Mich beeindruckten insbesondere einige großformatige Ölbilder, die ein scheinbares Nichts sichtbar rmachten. Es ist schon große Kunst, sich so von der Gegenständlichkeit lösen zu können. Von den kleineren Arbeiten gefiel nicht alles, manches waren einfache Studien. Sie zeigten zumindestens wie Turner arbeitet. Es ist ja auch seine ungeheure Produktivität zu bewundern. Er soll ja ca. 35 000 ! Werke London übereignet haben. Das gewünschte Museum bekam er aber nicht. Haben wir in unseren Tagen noch soviel Zeit so gute Kunst in der Anzahl zu produzieren? Na, die Masse macht es ja sowieso nicht

Nach oben 15.06.2011, 17:49 Nach unten
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