"Die Kunst ist ein Schritt vom sichtbaren Bekannten zum verborgenen Unbekannten." (Khalil Gibran)




 [ 3 Beiträge ] 
 schiller/der parasit - burgtheater wien - 29.4.2011 
Autor Nachricht

mein mann

Beitrag  schiller/der parasit - burgtheater wien - 29.4.2011
der parasit - oder die kunst sein glück zu machen.

ich gestehe, ich hatte bisher von diesem werk schillers nichts gehört ...
es handelt sich dabei allerdings um die umarbeitung eines stückes von louis benoit picard - und wird oftmals als ledigliche "übersetzung" geführt, was aber so angeblich nicht den tatsachen entspricht, weil schiller wesentliche änderungen in seiner variante vornahm.
vor ort fand ich es absolut untpyisch, wenn ich das so nennen darf.
es mutete (nun also schon logischerweise) eher als eine französische komödie an, und das lag keineswegs nur an den namen der akteure. hatte eine gewisse leichtigkeit, die jedoch dem tiefen hintergrund des stückes keinerlei abbruch tat. das verbinde ich nicht so selbstverständlich mit schiller.

gut, aber da war ich nun und ließ mich, wie immer, wenn ich ins theater gehe, überraschen und wenn möglich mitnehmen, besser noch mitreißen. und ich möchte es gleich vorwegnehmen, das gelang gestern absolut!

zum inhalt:
selicour ist ein schleimiger emporkömmling, der sein mäntelchen perfekt in den wind hängen kann. er schafft es, sein umfeld zu manipulieren, ohne den anschein zu erwecken, sich selbst zu sehr in den vordergrund spielen zu wollen. aber gerade diese vorgezeigte bescheidenheit, die sich an ihrem anderen ende als skrupellosigkeit untergebenen oder widersachern gegenüber entlarvt, lässt ihn immer höher steigen.
der neue minister narbonne hält große stücke auf ihn, sieht ihn für einen posten als gesandten vor und auch als gatten für seine tochter charlotte.
selicour veranlasst die kündigung des langjährigen mitarbeiters la roche, der sich dafür rächen möchte, aber zuerst versucht, dem minister die wahrheit aufzuzeigen.
erst als dies nicht gelingt, greift er auf die selben methoden zurück wie selicour ...

gerade diese essenz wird in der inszenierung von matthias hartmann ganz toll hgerausgearbeitet. damit es nur ja nicht passiert, dass sie in ihrem subtilen auftreten so manchem verborgen bleibt. er wählt eine dreifach-schlussszene, in der - mit dem gleichen text - alle möglichkeiten des endes einer solchen geschichte aufgezeigt werden.
der wichtige schlusssatz kann von narbonne, selicour und la roche interpretiert werden. und zeigt dadurch die flexibilität der sogenannten wahrheit und ihrer folgen auf:

"Diesmal hat der Verdienst den Sieg behalten. – Nicht immer ist es so. Das Gespinst der Lüge umstrickt den Besten; der Redliche kann nicht durchdringen; die kriechende Mittelmäßigkeit kommt weiter, als das geflügelte Talent; der Schein regiert die Welt, und die Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne."

die inszenierung hat mich sehr beeindruckt! das bühnenbild ist minimalistisch, eine weiße wand, mit verschieden großen türen, aus denen die akteure ihrem machtanspruch entsprechend auftreten. die kostüme bestehen aus straßenkleidung. keiner muss ein besonderes mützchen aufsetzen, um der insenzierung glanz zu verleihen ...

und das ensemble: zum schwärmen!
ich nenne allen voran udo samel (minister narbonne) - einfach weil ich an und für sich ein großer fan von ihm bin. dieser kleine mann braucht einfach nur stumm über die bühne zu trippeln und ist so was von präsent, dass sich jeder baumlange schauspieler schon mächtig aufrichten muss, um an seine größe heranzukommen.
michael maertens (selicour) gelingt dies allerdings perfekt. seine körpersprache allein könnte ohne text schon den charakter transportieren. die nuancen seiner stimme und seine mimik machen seine auftritte zum reinen genuss.
oliver stokowski (la roche) ist ein toller rächer. seine hilflosigkeit schüttelt ihn zu mehr oder weniger unterdrückter wut, die nervös und verzweifelt macht. sein abgang in seiner variante der schlussszene steht der schleimigkeit selicours jedoch dann in nichts nach.
kirsten dene (mutter des ministers). ja, was soll man zu kirsten dene schon sagen? eine große schauspielerin, die in dieser rolle wohl ein wenig überbesetzt ist, aber mit sicherheit das möglichste herausholt. ihre hörigkeit gegenüber selicour trägt auch ein gutes maß an erotik. die pikanterie, da es sich ja um den möglichen zukünftigen mann ihrer enkelin handelt, kann sie selbstverständlich perfekt herüberbringen.
auch johann adam oest (firmin) ist in seiner rolle als unauffällig bleiben wollender handlanger perfekt besetzt.
der rest des ensembles bietet eine solide, gut abrundende leistung.

fazit: ein wirklich toller theaterabend!
mit einem stück, das wohl mehr als aktuell ist ...



>>> gibt auch eine galerie da

Nach oben 30.04.2011, 14:52 Nach unten

Aquarell

Beitrag  Re: schiller/der parasit - burgtheater wien - 29.4.2011
:danke1: lintschi, dass Du uns daran teilhaben lässt. :D :winken: So komme ich zumindest virtuell noch ins Theater und bin auch noch voll informiert. :mrgreen: :winken:

Nach oben 01.05.2011, 16:19 Nach unten

Acryl, Öl, Aquarell

Beitrag  Re: schiller/der parasit - burgtheater wien - 29.4.2011
Danke, dass Du für Deinen Beitrag! Das mit diesen "Wendehälsen" ist ja ein aktuelles Thema. In meiner Firma konnte ich da ja auch einige während der Wende beobachten.

Außerdem habe ich viel Charles Dickens gelesen. In David Copperfield gibt es da auch so einen Mann namens Uriah Heep. Er ist im Kleinen so ein Selicour.

Wenn Alles gut geht, gibt es für mich einen Kurzurlaub in Weimar. Das Schillerhaus steht mit auf meiner Wunschliste. Als ich vor vielen Jahren in Weimar war, wurde es gerade renoviert. Wenn ich interessantes Material finde, auch seitens Goethe, kann ich es ja hier im Kunsttalk zeigen. :winken:

Nach oben 01.05.2011, 17:07 Nach unten
 [ 3 Beiträge ] 

 Ähnliche Themen 
 Thema   Autor   Antworten   Zugriffe   Erstellt 
Die Zauberflöte - Staatsoper Wien, 15.6.2011

in Kunsttalk

lintschi

2

236

16.06.2011, 15:39

turandot - volksoper wien - 28.3.2011

in Kunsttalk

lintschi

5

168

29.03.2011, 11:27

harold und maude - volkstheater wien - 7.3.2011

in Kunsttalk

lintschi

3

109

29.03.2011, 11:20

Malkurse in Wien

in Diskussionen

MaGie

2

208

16.04.2009, 21:15

rezension "der einsame weg" - volkstheater wien

in Kunsttalk

lintschi

4

806

19.03.2012, 12:19






© Kritzelmeister.de • Alle Inhalte, Bilder und Werke sind Eigentum der entsprechenden Rechteinhaber und dürfen ohne ausdrückliche Genehmigung nicht verbreitet bzw. kopiert werden!