"Bunt ist meine Lieblingsfarbe." (Walter Gropius)




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 Farbe in der Tube watn dat??? 
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Beitrag  Farbe in der Tube watn dat???
In den Anfängen der Farbzubereitung für die Malerei, wurden die Pigmente oft vom Lehrling oder vom Maler selbst vorbereitet. Im Mittelalter konnte man die erforderlichen Pigmente beim Alchemisten, Apotheker, Gewürzhändler oder fahrende Kleinhändler kaufen. Einige Pigmente wie zb. Eisenoxide oder Auripigmente wurden allerdings in groben Klumpen gehandelt, die erst in einem Mörser zerstoßen werden mussten.
Dateianhang:
auripigment.jpg

Um die Mineralien von Verunreinigungen zu reinigen, wurden sie danach in einem sogenannten Malerhorn aus Zinn oder Glas, mit Wasser geschlämmt, wobei sich die Verunreinigungen am Boden absetzten. Die Pigmente wurden danach auf einer Steinplatte mit einem kleineren Stein dem sogenannten Läufer, zerrieben und das Bindemittel zugeführt. Dieser Vorgang erforderte viel Erfahrung, da bestimmte Pigmente ihre Leuchtkraft erst bei einer bestimmten Korngrösse entwickeln. Zinnober wird zum Beispiel immer brillanter je mehr er zerrieben wurde, wohingegen Azurit und Smalte nur wenig gerieben werden durften, da sie sonst immer blasser wurden. Diese individuelle Pigmentbehandlung begründet einen großen Teil der Farbintensität von mittelalterlichen Tafelbildern, während hingegen in heutiger Zeit, durch die gleichmäßige Behandlung aller Pigmente und das zermahlen in eine einheitliche Korngrösse , viele Farben im Vergleich zu früher eher matt wirken.
Die fertig angeriebenen Farben wurden danach in glasierten Töpfen aufbewahrt und die Masse mit Wasser bedeckt damit sie nicht austrockneten. Zum Malen wurden dann kleine Mengen nochmals mit etwas Bindemittel angerieben und in kleine Muschelschalen gefüllt.

Da bei der Benutzung von Öl als Bindemittel die Farbe eher zähflüssig wird, eigneten sich die Muschelschalen zur Bereitstellung der Farben weniger, da sie beim herausziehen des Pinsels oft abrutschten. Deshalb entwickelte sich ab dem 15. Jh. die Holzpalette.
Dateianhang:
Derick Baegert.jpg


Erst Anfang des 19 Jh. entwickelt sich die fast ausschließliche industrielle Farbenherstellung. Wurden davor die Farben in sogenannten Farbblasen, Beutel aus Wachstuch oder Pergament, aufbewahrt oder gehandelt, führte die Firma Robertson 1840 die bis heute übliche Zinntube ein. Der Erfinder der Zinntube ist der Engländer John Rand, der 1841 die Zinntube zum Patent anmeldet.
Dateianhang:
Farbtube01.jpg


Die ersten Künstlerfarbenfabriken waren, Lefranc in Paris, Windsor & Newton (1832) sowie Rowney in England und Schoenfeld (1862) in Deutschland. Die bekannten Mussini-Künstlerfarben von Schmincke, Schoenfeld und anderen, beziehen sich übrigens auf die Rezepturen des Florentiner Hofmalers und Akademiedirektor Cesare Mussini.
Dateianhang:
Cesare Mussini.jpg

LG :spanien1:
Andreas

Nach oben 05.09.2011, 12:28 Nach unten

Pastell, Aquarell, Öl

Beitrag  Re: Farbe in der Tube watn dat???
:danke2: Andreas für Dein kurzweiliges Bildungsprogramm :D und :danke1: John Rand, ich wäre wohl nicht zum Malen gekommen, wenn ich auch noch Steine zerreiben müsste :rofl: :winken: .

Nach oben 05.09.2011, 12:41 Nach unten

Pastellkreide, Öl, Stifte

Beitrag  Re: Farbe in der Tube watn dat???
Hola Andreas,

wieder ein sehr informativer Beitrag von dir! Danke!!!!! Ich find das große Klasse, dass du uns teilhaben lässt, und das alles so anschaulich, dass die Inhalte es ins Langzeitgedächtnis schaffen :grins:

Toll :winken:

Nach oben 05.09.2011, 12:44 Nach unten

Mixed

Beitrag  Re: Farbe in der Tube watn dat???
Ich habe noch Farben in Zinntuben...

Klasse und informativ!

Nach oben 05.09.2011, 12:48 Nach unten

Beitrag  Re: Farbe in der Tube watn dat???
hallo andreas, :D

danke für deine verständliche erklärung zu diesem thema!! :dops: :dops:

gruß tina :winken:

Nach oben 05.09.2011, 13:12 Nach unten

Beitrag  Re: Farbe in der Tube watn dat???
Hallo Andread,danke für Deine Mühe,die Du Dir machst uns auch die Theorie nahe zu bringen :winken:

Nach oben 05.09.2011, 13:15 Nach unten

Öl, Mischtechnik

Beitrag  Re: Farbe in der Tube watn dat???
danke für diese schöne erläuterung... :D

also wenn wir heute noch klumpen im mörser zerstoßen müssten, würden vermutlich viele von uns gar nicht mehr zum malen kommen... :rofl:

bezüglich mussini, immer wieder meine lieblingsfarben, vielleicht weißt du das: nachdem du da was über die unterschiedliche körnung von pigmenten geschrieben hast, wird das bei mussini so gemacht, oder zerreiben die auch alles auf gleiche korngröße?

Nach oben 05.09.2011, 13:31 Nach unten

Acryl

Beitrag  Re: Farbe in der Tube watn dat???
Hallo Andreas, dank Deiner Informationen weiß ich auch, warum ich hier bin.
Wie hältst Du es, greifst Du auf die Industrie zurück oder stellst Du schon mal Farben selbst her? :winken:

Nach oben 05.09.2011, 13:36 Nach unten

Beitrag  Re: Farbe in der Tube watn dat???
Die frage von farbfreundin, würd ich gerne auch stellen, und wenn du farben herstellst, wie stellst du sie her, hast du da ein rezept das du weitergeben kannst? und ist das dann auf die pigmente die man im handel bekommt anzuwenden?
und wennman mal ein pigment von anfang bis zum verbrauch der farbe herstellen möchte, nur mal so zum erfahren wie das damals war. könntest du da auch tipps geben, es muss ja nicht gerade stein sein.

danke dir auch für diesen treat, der war wieder sehr spannend..

Nach oben 05.09.2011, 13:57 Nach unten

Beitrag  Re: Farbe in der Tube watn dat???
Großes Dankeschön an alle!!! Hat mich echt gefreut… :grins:

@Vera, alle im Handel erhältlichen Pigmente werden auf die gleiche Korngrösse zermahlen. Die auf Mussini zurückgehende Rezeptur bezieht sich nur auf die Harzölverbindung. Allerdings glaubte man im 19 Jh. mit dieser Verbindung der Bindemittel die Technik der flämischen Malerei des 17 Jh. erklären zu können, was leider ein Irrtum war.

@Farbfreundin, ich habe früher tatsächlich mal meine Farben selber angerieben, bis ich gemerkt habe das sich der Aufwand nicht lohnt. Ist zwar ne schöne Erfahrung, aber die Qualität der Farben im Vergleich zu fertigen und käuflichen Produkten, wird dadurch nicht zwangsläufig besser, wie viele glauben. Will man wirklich puristisch sein, dann müsste man tatsächlich die einzelnen Pigmente im Rohzustand kaufen und selber mahlen. Schon alleine die Vorstellung, dass ich am Mörser stehen müsste um einen Auripigmentblock zu zertrümmern um ihn anschließend zu schlämmen, erzeugt bei mir keinen wohligen Schauer und würde mich nur vom Malen abhalten. Ich wäre zwar gerne Alchemist, aber noch lieber bin ich ein zeitgenössischer Maler!

LG :spanien1:
Andreas

Nach oben 05.09.2011, 14:09 Nach unten

Acryl

Beitrag  Re: Farbe in der Tube watn dat???
Lieber Andreas, Deine Antwort beruhigt mich. Ich kaufe also weiter fertige Farben.

Ich stand vor einiger Zeit vor einem sehr großen Bild mit Kranichen. Die Darstellung war schon ziemlich beeindruckend. Noch mehr beeindruckt war ich aber zu hören, daß der Maler geistig behindert ist. Die Mutter erzählte mir dann auch noch stolz, daß der Sohn die Farben selbst hergestellt hat. Daran mußte ich auch denken, als ich Deine Information las. :mhh: :winken:

Nach oben 05.09.2011, 14:18 Nach unten

Öl, Acryl , Bunt/Bleistift

Beitrag  Re: Farbe in der Tube watn dat???
Lieber Andreas,

ich danke dir. :bluemchen:

Ein Beitrag der so komplex ist, verständlich rüberzubringen, dass ich den Inhalt auf Anhieb verstehe, dazu gehört schon was. :winken:

Nach oben 05.09.2011, 16:14 Nach unten

z.zt.Aquarell u.div.Zeichenmat

Beitrag  Re: Farbe in der Tube watn dat???
Danke Andreas,
fuer den kleinen Schlencker in die Entwicklungsgeschichte der Tuben---Farben!

Und die Muehe,die Du Dir wieder gemacht hast!


:winken: Ingrid

Nach oben 05.09.2011, 18:37 Nach unten

Beitrag  Re: Farbe in der Tube watn dat???
Vielen Dank Andreas für Deine Mühe - das ist total interessant und sehr gut erklärt! :klasse:

Nach oben 05.09.2011, 18:42 Nach unten

Beitrag  Re: Farbe in der Tube watn dat???
Beitrag: Re: Farbe in der Tube watn dat??? - 05.09.2011, 14:09 arte60 hat geschrieben:
@Vera, alle im Handel erhältlichen Pigmente werden auf die gleiche Korngrösse zermahlen.


ist es nicht so, dass manche Pigmente garnicht die gleiche Korngröße wie andere Pigmente haben können - Phthalycyaninpigmente beispielsweise. Sind zwar organische Pigmente, aber..
Oder war nur von mineralischen Pigmente die Rede? :gruebel:

Nach oben 05.09.2011, 19:30 Nach unten

kritzelkram

Beitrag  Re: Farbe in der Tube watn dat???
Hallo andreas,

vielen dank für deine gute allgemeinverständliche erklärung

:winken:

Nach oben 05.09.2011, 20:43 Nach unten

Beitrag  Re: Farbe in der Tube watn dat???
Vielen lieben Dank für eure Unterstützung! Es scheinen sich doch einige mehr für die ollen Tuben zu interessieren als ich anfänglich dachte.

@Franziska, am Anfang brauchst du eigentlich nur eine Glasplatte, einen Glasläufer (rechts auf dem Foto), Pigmente und Bindemittel.
Dateianhang:
Läufer Pigmente.jpg

Das Bindemittel richtet sich nach der Farbe die du herstellen willst, also bei Tempera guckst du bei den Beiträgen von Wolfgang aka Pigmenttankstelle nach und für Ölfarbe nimmst du am besten Dammarharz und Balsamterpentinöl im Verhältnis (Gewichtsteile) 1:3. Beim reiben gibt’s du nach und nach das Bindemittel zu, bis die Farbe nach deinem Geschmack dick oder dünnflüssig ist.

Klar gibt’s viele Ratschläge zur Selbstgewinnung von Pigmenten, es fragt sich nur ob es wirklich sinnvoll ist soviel Aufwand zu betreiben. Zum Beispiel: nimm eine Kuh und füttere sie eine Zeitlang mit Mangoblättern. Der Harn den die Kuh daraufhin ausscheidet wird stark gelb gefärbt sein und du musst nur noch den Harn erhitzen, damit sich der gelbe Farbstoff auch Indischgelb genannt, absondert. Na dann viel Spaß! :dops:

@Luceo, logischerweise bezieht sich die Korngrösse auf mineralische Pigmente!

LG :spanien1:
Andreas

Nach oben 06.09.2011, 00:48 Nach unten

Aquarell

Beitrag  Re: Farbe in der Tube watn dat???
Herzlichen Dank, Andreas :winken: (gibt bei Gelegenheit auch wieder ne Tortääää :rofl: )
Zumal ich derzeit ja auch über das Herstellen eigener Farben sinniere. Rüstzeug (Pigmente) habe ich schon von Wolfgang, Glasläufer vorhanden, und jetzt als faule Socke fertiges Bindemittel für Aquarell bei Onkel Gersti bestellt. Im Urlaub wird es ausprobiert. Mal schauen :mhh:

Nach oben 06.09.2011, 06:34 Nach unten

Eitempera

Beitrag  Re: Farbe in der Tube watn dat???
Hallo Andreas,

herzlichen Dank für den informativen wie köstlichen Beitrag!

Nun darf man nicht vergessen, dass es zwischen Mörser und Tube noch VIEL anderes gibt. Neben Farbigkeit, Korngröße etc. gibt es noch andere Gründe, Farben selbst anzurühren: Kosten sparen, Konsistenz (vgl. den Beitrag von Uschi zu Spachtelungen mit Eitempera), bessere Lagerfähigkeit (Tuben sind für reine Pigmente gar nicht erforderlich) usw.

Der Sache mit der Glasplatte und dem Läufer muss ich mal wieder heftig wiedersprechen. Plastikteller und Pinsel sind ausreichend. Ich war in den vergangenen zehn Jahren bei der Verarbeitung von etwa zwei Tonnen (2000 kg!) Pigmenten mehr oder weniger dabei. NIE habe ich erlebt, dass Farbe angerieben wurde. Es wurde immer nur angerührt. Das ist bei den heutigen Pigmenten vollkommen ausreichend.

Frohes Schaffen!

Wolfgang

Nach oben 06.09.2011, 07:33 Nach unten

Beitrag  Re: Farbe in der Tube watn dat???
Hola Gine,

dann mal ran an den Farbspeck! Ich kann dir versichern das es wirklich Spaß macht, diese leuchtenden Pigmente zu verwurschten. Ist so ähnlich wie Tortä backen…. Lechz

Hola Wolfgang,

eigentlich will ich dir gar nicht widersprechen, ich tus aber trotzdem. Als ich noch in Schichten gearbeitet habe, also Tempera und Öl habe ich mir die Tempera auch immer selbst hergestellt und da reichte wie du schon sagst ein Plastikteller und Pinsel, aber bei der Zubereitung der Ölfarbe würde ich den Reiber vorziehen. Das Mischungsverhältnis und die Konsistenz der Farbe wird dadurch einfach besser.

Natürlich gibt es noch mehr Argumente für die Selbstherstellung von Farben, wobei der Kostenfaktor auch abhängig ist von den verwendeten Pigmenten, die ja mitunter auch nicht gerade billig sind.

Das mit der besseren Lagerfähigkeit ist für mich eher ein Gegenbeispiel, denn reine Pigmente können schon manchmal eine kleine Sauerei verursachen, während hingegen Tuben mit fertiger Farbe nicht zur zufälligen Verunreinigung aller sie umgebenden Gegenstände neigen. Auch habe ich Farbtuben die bei mir seit 20 Jahren rumliegen und dabei nichts an ihrer Konsistenz verloren haben.

Das wichtigste Argument für mich persönlich zur Verwendung der Tubenfarben bei Ölfarben ist jedoch die Möglichkeit ihrer unmittelbaren Anwendung. Wenn ich ein Projekt beginne, dann will ich keine Zeit verlieren (man kann es auch Faulheit nennen) und dem fertigen Bild sieht man es nicht an, ob ich nun die Farben selbst hergestellt habe oder nicht. Falls ich jedoch ein Projekt beginnen würde, in dem es in erster Linie um gezielte Farbigkeit geht, dann würde ich mir das Selbstherstellen der Farben sicherlich noch einmal überlegen.

LG :spanien1:
Andreas

Nach oben 06.09.2011, 09:41 Nach unten
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