"Im Entwurf zeigt sich das Talent, in der Ausführung die Kunst." (Marie von Ebner-Eschenbach)




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 Imprimitur, watn dat??? 
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Pastell, Aquarell, Öl

Beitrag  Re: Imprimitur, watn dat???
Jawoll, ein Superthread, den ich fleißig mitlese :danke2: :winken: .

Nach oben 27.06.2011, 15:40 Nach unten

Tempera grassa

Beitrag  Re: Imprimitur, watn dat???
hey dieses thema ist klasse, bitte weiter!!!

glg

Andi

Nach oben 27.06.2011, 21:00 Nach unten

Aquarell

Beitrag  Re: Imprimitur, watn dat???
Beitrag: Re: Imprimitur, watn dat??? - 27.06.2011, 14:38 Barbaraa hat geschrieben:
Hallo Andreas,

ich setze mir hier mal sozusagen mal ein Lesezeichen. Das sind wirklich sehr interessante Ausführungen, ich hoffe der Austausch hierzu geht weiter. Vielen Dank für das Thema und deine Mühe.

LG Barbara


Da Null Ahnung bisher, schließe ich mich -Barbara zitierend - an :D

Nach oben 27.06.2011, 21:24 Nach unten

Beitrag  Re: Imprimitur, watn dat???
Hey, ihr da draußen! Vielen Dank für euren Zuspruch! Los fragt mal was! Sonst komme ich mir noch vor wie Maxi Dörner... :kapituliere: alleinemundfussligred

Hier habe ich euch mal ein Beispiel einer kompletten Grisaille-Malerei rausgesucht.
Das Bild ist von Anthonis van Dyk „Rinaldo und Armida“ aus der National Gallery London von 1634/35. Das besondere an diesem Bild ist, das es nicht als Untermalung gedacht war, sondern es ist nur eine Entwurfsskizze für einen Kupferstich. Die Entwurfsskizze befindet sich auf einer Eichenholztafel, die Weiß grundiert wurde. Danach wurde eine transparente, streifige hellgraue Imprimitur aufgebracht und anschließend mit Ölfarben a la prima unter Einbeziehung der Imprimitur bemalt.
Dateianhang:
Anthony-van-Dyck-Rinaldo-conquered-by-Love-for-Armida.jpg

Das eigentliche Bild hingegen ist viel früher entstanden, um 1629-32 und hängt im Louvre.
Dateianhang:
Anthony-van-Dyck-Rinaldo-conquered-by-Love-for-Armida01.jpg

Nun mag manch einer bei der Betrachtung des Bildes denken „Boah wat kitschig, mit so vielen dickbäuchigen Puten!“, aber dieses Bildthema hat viele Maler beschäftigt. Darunter Tiepolo, Poussin, Boucher usw. Aber nicht nur Maler haben sich Gedanken zu diesem Thema gemacht, sondern auch Musiker wie Händel, Salieri, Gluck. Haydn, Rossini, Dvořák usw. und das macht das Bildthema doch wieder interessant. Die Geschichte, die diesem Thema zugrunde liegt stammt von Torquato Tasso aus dem 1575 entstandenen Epos La Gerusalemme liberata (Das befreite Jerusalem).
Sie berichtet vom Ritter Rinaldo dem als Lohn für einen Sieg gegen das feindliche Sarazenenherr die Tochter Almirena des Generals Goffredo versprochen wird. Der König der Sarazenen Argante wiederum plant die Entführung von Almirena und benutzt dafür seine Geliebte Armida, die über magische Kräfte verfügt. Mit ihrer Hilfe werden Almirena und Rinaldo entführt und erst wieder durch Goffredo befreit, der dafür jedoch ebenso magischen Beistand von seinem Magier Mago gebraucht. Zum Schluss gibt’s ein Happy End, Ritter Rinaldo und Almirena finden zusammen und der böse Argante mit seiner Hexe Armida konvertieren reumütig zum Christentum.

Sollte noch jemand weiteres Interesse haben, so kann ich nur die Lebensgeschichte von Torquato Tasso empfehlen, die einem Film entsprungen sein könnte und für die heutige Zeit unglaublich erscheint.
Dateianhang:
smiley69.gif

Nach oben 28.06.2011, 20:39 Nach unten

Aquarell

Beitrag  Re: Imprimitur, watn dat???
:danke1:
Lucie hat geschrieben:
ein Superthread, den ich :winken: fleißig mitlese
:ja: und es ist wirklich sehr interessant. :ja: :klasse:

Nach oben 28.06.2011, 20:49 Nach unten

Tempera grassa

Beitrag  Re: Imprimitur, watn dat???
hallo Andreas,

ich hätte eine allgemeine frage, wie ich in zukunft meine bilder untermalen könnte. ich stelle mir vor, das incarnat mit grüner erde oder verdaccio zu untermalen (wie dein bespiel von michelangelo zeigt) und den rest zb in einem erdton oder in grau ... und dann meine befürchtung, dass sich die beiden, incarnat und restliches bild zu stark voneinander abheben könnten, dass also die farbharmonie innerhalb eines porträts zum beispiel nicht gegeben wäre.

ich hab bisher einiges ausprobiert, auf schwarzer imprimitur gehöht, auf grauer, auf erdpigmenten usw. , kam immer auf den lehrer an. auf diesen tönen wurde dann mit weiss gehöht. die besten erfahrungen habe ich mit verdaccio gemacht weil es so was wie eine "unfarbe" ist. auf schwarz zu arbeiten kommt mir natürlich sinnlos vor, weil das dunkle wohl immer durchkommen würde.

hoffentlich verwirre ich dich nicht zu sehr und danke für das thema!!!

glg

Andi

Nach oben 28.06.2011, 21:19 Nach unten

Aquarell

Beitrag  Re: Imprimitur, watn dat???
Also, meine eine hat - wie schon geschrieben - koinerlei Ahnung. Daher lese ich erst mal mit, bevor ich überhaupt jedwege Fragen stellen kann :grins:

Nach oben 28.06.2011, 21:22 Nach unten

Beitrag  Re: Imprimitur, watn dat???
Hola Andi,
zuerst mal ne Frage! Was malst du hauptsächlich, also welche Motive? Ich schaue derweilen mal in deine Galerie...
LG :spanien1:
Andreas

Nach oben 28.06.2011, 21:28 Nach unten

Beitrag  Re: Imprimitur, watn dat???
Aha alles klar! Ich mach mir mal ein paar Gedanken...

Nach oben 28.06.2011, 21:30 Nach unten

Beitrag  Re: Imprimitur, watn dat???
Ah noch was, wer sind deine Lieblingsmaler?

Nach oben 28.06.2011, 21:32 Nach unten

Beitrag  Re: Imprimitur, watn dat???
Vorab für die Mitleser über die Verwendung von verdaccio. Meist wurden die Inkarnate mit einer Mischung von Grüner Erde und Weiß flächig verstrichen. Darüber legte man die Schatten mit verdaccio oder auch terreta, terrecta genannt. Dieses verdaccio bestand aus einer Mischung von gelben Ocker, Schwarz, Rot und auch etwas Weiß, was ein ein grünliches Braun ergibt. Hatte man die Schattenpartien mit diesem verdaccio angelegt, wurden dann die Fleischtöne halbdeckend oder deckend aufgetragen und zuletzt die Lichter wie auch das Wangenrot.
Hier noch ein schönes Beispiel für das durchschimmern des grünen Inkarnats in den Schattenpartien von Stefan Lochner „Madonna mit dem Veilchen“ 1450 Erzbischöfliche Diözesanmuseum in Köln.
Dateianhang:
Stefan_Lochner Madonna_mit_dem_Veilchen 1450 01.jpg

Besser zu sehen in diesem Detail
Dateianhang:
Stefan_Lochner Madonna_mit_dem_Veilchen 1450 02.jpg

Nach oben 29.06.2011, 00:38 Nach unten

Aquarell

Beitrag  Re: Imprimitur, watn dat???
Ha! :D Klein-Gine hat mal eine ggf. doof Frage zwischendurch. Wenn ich mir so die alten Meisterwerke angucke, frage ich mich nicht nur ob der Technik, sondern auch, mit welchen Pinseln die alten Meister an ihre Werke gegangen sind. Borsten?
Ich kann mir das bei dieser wirklich feinen (im wahrsten Sinne des Wortes) Malerei kaum vorstellen :mhh:

Nach oben 29.06.2011, 16:38 Nach unten

Beitrag  Re: Imprimitur, watn dat???
Beitrag: Re: Imprimitur, watn dat??? - 29.06.2011, 16:38 Gine hat geschrieben:
Ha! :D Klein-Gine hat mal eine ggf. doof Frage zwischendurch. Wenn ich mir so die alten Meisterwerke angucke, frage ich mich nicht nur ob der Technik, sondern auch, mit welchen Pinseln die alten Meister an ihre Werke gegangen sind. Borsten?
Ich kann mir das bei dieser wirklich feinen (im wahrsten Sinne des Wortes) Malerei kaum vorstellen :mhh:

dieser frage schließe ich mich an.
(luceo non uro hegt ein groll gegen borstenpinsel und kann sich nicht vorstellen wie das damit funktionieren sollte :oops: )

Nach oben 29.06.2011, 16:43 Nach unten

Acryl, Öl, Kohle

Beitrag  Re: Imprimitur, watn dat???
Ich hab eben angefangen zu lesen, muss aber wegen sich langsam schliessender Aeuglein morgen nochmal mit wachem Kopf alles in Ruhe durchlesen. Danke Andreas fuer die Erklaerungen. Ich geh jetzt schlafen. :gutsnaechtle: :zzz:

Nach oben 29.06.2011, 23:39 Nach unten

Beitrag  Re: Imprimitur, watn dat???
Aus alten Abbildungen wie auch Maltraktaten, weiß man das der Pinsel schon sehr lange im Gebrauch war. Als Beispiel hier Derick Baegert „Der heilige Lukas“ von 1485.
Dateianhang:
Derick Baegert 1485-90 hl. Lukas.jpg

Übrigens ist der heilige Lukas der Schutzheilige der Maler!
Als Pinselmaterial nahm man neben der Schweinsborsten, für die gröberen Arbeiten, Eichhörnchenschwanzhaar oder Fischotterhaare, aber da hatte wohl jeder Maler seine eigenen Vorlieben, da die Pinsel in der Regel vom ihm selbst hergestellt wurden. Gainsborough hatte z.b. für grobe Arbeiten Hundehaare benutzt und für feine Arbeiten Kamelhaar. Dabei befestigte er die Pinsel oft an über ein Meter langen Stöcken, um beim Portraitieren die gleiche Distanz zur Bildfläche zu haben, wie seine Sehdistanz zum Modell. Von Leonardo und anderen weiß man aber auch, das sie teilweise mit den Fingern gemalt haben, oder das bei Schichtenmalerei die Farbflächen mit dem Handballen auf dem Bild verrieben wurden. Bei Goyas Bildern sieht man z.b. auf den Bildrändern Pinselabstriche, weil er die Ränder der Bilder dazu benutzt hatte die Pinsel wieder in Form zu bringen.
Die Pinsel selber wurden sicher in ähnlicher Weise hergestellt, wie es heute noch bei Qualitätspinseln der Fall ist. Ein kleines Haarbüschel wird zwischen den Fingern auf einer Fläche so lange aufgestupft, bis sich alle Haare auf einer Ebene befinden, danach wird der Pinselbausch im unteren Bereich mit einer Schnur zusammengebunden und mit einer Metallzwinge an einem Holzstiel befestigt. Der Pinselstil wurde übrigens auch oft zum Malen benutzt, mit ihm wurden Detail in die nasse Ölfarbe graviert, z.b. bei Haaren, Bäumen, Ornamentik, Signaturen ect. Sichtbar werden diese Gravierungen vor allem bei Bildern von Rembrandt, Rubens, Caravaggio usw.
Als Begründer des deutschen Feinhaarpinselhandwerks gilt Johann Caspar Bühler, der sich um 1790 in das Kirchenbuch von Königshofen, heute einem Ortsteil vom Markt Bechhofen, als Schreinermeister und Pinselmacher einträgt. Noch heute befindet sich dort eine staatliche Berufsschule für das Pinselmacherhandwerk und das Deutsche Pinsel- und Bürstenmuseum.

Nach oben 01.07.2011, 03:45 Nach unten

Aquarell

Beitrag  Re: Imprimitur, watn dat???
Vielen Dank für die Info, Andreas :winken:
Mich fasziniert das Bild von Daegert. Nicht nur wegen der Weißhöhungen, sondern auch der perspektischen Akrobatik des malenden Meisters an seinem Standort :grins:

Nach oben 01.07.2011, 05:50 Nach unten

Öl, Mischtechnik

Beitrag  Re: Imprimitur, watn dat???
andreas, das fachwissen, das du hier zum besten gibst, ist wieder mal beeindruckend!

mit den ölfarben schließe ich mich im großen und ganzen an, obwohl teure acrylfarben von renommierten firmen wie schimcke oder lasceaux bei dünnem vermalen schon nahe dran kommen. da sind lasierende töne auch wirklich lasierend und deckende deckend.

auch ohne gewusst zu haben wie es heißt, ich mache gerne eine untermalung in einem mittleren farbton.

. hat geschrieben:
(luceo non uro hegt ein groll gegen borstenpinsel und kann sich nicht vorstellen wie das damit funktionieren sollte :oops:


aber warum denn? ich stelle meine bilder weitgehend mit borstenpinseln her, wenn ich nicht spachtle :mrgreen: , auch die dünn und fein gemalten.
vorteil von borstenpinseln: gerade lasuren kann man damit fein auf dem untergrund verreiben, da kommt ein weicher pinsel nicht ran. und da sie ein wenig steif sind, kann man mit einem dünnen exemplar, wobei ich in der regen flachpinsel verwende, auch sehr scharf abgrenzen und feine dinge malen.
nur für ultrafeine dinge wie etwa eine iris, die ich genau malen will mit den lichtern drin, kommt ein haarpinsel zum einsatz.

lg
vera :winken:

Nach oben 01.07.2011, 11:47 Nach unten

Beitrag  Re: Imprimitur, watn dat???
Hm, perspektivische Akrobatik? Für seine Zeit war dieses Bild, an unseren Sehgewohnheiten gemessen, schon recht fortschrittlich! Immerhin sind die Räumlichkeiten auf einen Fluchtpunkt, der sogar außerhalb des Bildes liegt, konzentriert. Nur die Fußbodenfliesen stimmen hier nicht überein. Er hat sogar schon mit einem zweiten Fluchtpunkt außerhalb des Gebäudes gearbeitet, nur das dieser Fluchtpunkt auf einer weiteren Horizontlinie liegt, ist für unsere Sehgewohnheiten unverständlich.
Dateianhang:
Derick Baegert 1485 hl.jpg

Wir beurteilen jedoch diese vermeintlichen Ungenauigkeiten aus unseren Gewohnheiten und Wissensstand. In der damaligen Zeit waren andere Dinge jedoch viel wichtiger wie z.b. die Zusammenstellung der verschiedenen Bildsujets, die Bedeutung der einzelnen Bildelemente, Symbolik usw. Überhaupt entstanden unsere Vorstellungen von der Perspektive auch ursprünglich aus der Bedeutungsperspektive. In der Bedeutungsperspektive wurden z.b. Figuren die sich zwar auf gleicher Ebene befanden, unterschiedlich groß dargestellt. Bestes Beispiel sind dafür die Stifterfiguren, also die Personen, die das Bild bezahlt haben und die oft im Bild mit dargestellt wurden, aber neben den Hauptfiguren unnatürlich klein wirken. Durch ihre Darstellung wurde deutlich gemacht, das sie zwar wichtig sind, jedoch ihre Größe symbolisiert das sie für den Bildinhalt eine eher untergeordnete Rolle spielen.
Als Beispiel auf der mittleren Tafel:
Dateianhang:
Albrecht Dürer Paumgartner.jpg

Albrecht Dürer, Paumgartner-Altar 1503, Alte Pinakothek München

Nach oben 04.07.2011, 02:47 Nach unten

kritzelkram

Beitrag  Re: Imprimitur, watn dat???
Hola andreas,

danke für deinen impuls von heut sehr-sehr-früh, also lass uns mal diskutiern, und vielleicht kann ja noch jemand anderes etwas beizutragen ... und, vorab, ich denkmal, wir liegen garnicht so weit auseinander...

Zunächst, aus zeitgründen, zu deinem beitrag vom 23. juni, ist lang her, ich weiss, schäm mich auch ein bischen...

Nee, ich bin nicht pingelich, muss aber dazusagen, dass ich bloddy dillettant bin, und alles nur aus büchern gelernt habe, da es in unserer gegend leider keine vernünftigen maler gibt, und nur durch try and error, und also insgesamt ziemlich fundamentalistisch bin ....

Du hast recht, über den weissen malgrund geht vom prinzip her garnix. Du hast genausorecht, die leute, die auf konfektionierten industriellen acrylgründen arbeiten wissen genaugenommen nichteinmal, welche chancen sie sich entgehen lassen, da helfen auch zehn schichten acrylgesso nichts... und die meisten "alten" techniken funktionieren nicht auf den modernen materialien, nicht mal ansatzweise. Man muss materialgerecht arbeiten, vom beginn bis zum schluss.

Ich liebe nunmal den traditionellen leim-kreidegrund, zunächst, in jugendjahren, weil der billig herzustellen war und auch auf industriepappen aufgetragen werden konnte, danach aus prinzip (und wenn du den dann auf ein hundert jahre altes bauernleinen aufträgst... da traust du dich kaum draufzumalen, so schön ist der malgrund, optisch, haptisch und wasauchimmer, wenn du etwas handwerklich orientiert bist, ich schwör, und ich brauch auch oftmals deutlich länger für die grundierung meiner malgründe als für meine bilder, und es hatmalwergesagt, "deine bilder sind ***, aber deine malgründe sind klasse"). Oder du verwendest alte kartoffel- oder getreide- oder sonstwas-säcke, und da hat jeder malgrund seinen eigenen charakter, will individuell behandelt werden, und hat seine eigene geschichte... aber das lernt man nicht aus den büchern sondern nur durch praxis. Und bei boesner gibts die glücklicherweise auchnicht.

Du hast völlig recht, der kreidegrund (und auich die schellackisolierung) entstammt der mittelalterlichen tafelmalerei. Und funktioniert seit über fünfhundert jahre problemlos. Es gibt einige wenige pigmente, die den malgrund weiss machen, aber unendlich viele zuschlagsstoffe, die die haptik und traktibilität des malgrundes definieren. Selbst glatteste gründe können so noch durch die mikro-porenwirkung der zuschlagsstoffe (weiss nicht, wie ich das sonst nennen soll) zu tollen malgründen werden. Warum also so eine tradition in die tonne treten? Du hast auch recht, wenn du sagst, es ging damals um einen besonderen schmelz und intensität der farbe. Aber ich frag dich: was hindert uns daran, das heute zu ändern? Der schellackfirnis, den die alten auf ihre bilder aufgebracht haben, wurde im 19. jh. stark verflüssigt als pastellfirnis zerstäubt...Heute macht das natürlich kaumjemandmehr, aber durch die verdünnung der lösung kannst du die saugfähigkeit des grundes reduzieren. Du nimmst den klassischen malgrund und hast freie hand, durch verdünnung (bzw. weglassen derselben ) die saugfähigkiet zu regulieren. Ich berufe mich auf eine fünfhundertjährige (plus x) tradition. Was kann daran falsch sein?

Systemische prinzipien der isolierung: Ich hatts ja schon kurz angesprochen, einen leimgrund zusätzlich abzuleimen ist kontraproduktiv und handwerklich suboptimal (... und ein ölanstrich als untere schicht, andreas, ich bittdich, das ist nicht dein ernst...). Also stellt sich die frage: Isolierung innerhalb oder ausserhalb des systems. Geht man von einem klassischen leimgrund aus, ist nichtwässrige isolierung immer ausserhalb des systems...

Eine kurze private erfahrung zur erklärung: Hab mal mit einem wirklich üblen abbeizer (der mit der krähe) einen bilderrahmen abgebeizt, welcher mit einer dicken ölfarbschicht gestrichen war. Zutage kam ein wundervoller alter goldrahmen.Warum? Die alten hatten die vergoldung mit einer schellack-schicht versiegelt, die systemisch ausserhalb des wirkungsbereiches meines abbeizers lag... Es gibt also hierarchien von lösungsmitteln...

Die maltechnische grundforderung heisst: isolierung gegenüber der folgenden ölfarbschicht, die frage: schnell oder langsam. Bevorzuge ich ein schnelles verfahren, greife ich zu alkoholfirnissen, die systemisch ausserhalb der ölmalerei liegen. Traditionelle firnisse in dem bereich sind die mastix- und schellackfirnisse, schellack (in alkohol gelöst) wird von ölfarben nicht angegriffen, mastix (in alkohol gelöst) schon, was in der praxis bedeutet, dass man eine ölmalerei bis auf den schellackgrund abwaschen kann ( wie bei dem goldrahmen, der eine systemische sperre in höhe des schellackgrundes hatte), den mastix aber nicht, da er terpentinlöslich ist, andererseits kann der mastixfirnis von der ölfarbe/verdünner angelöst werden, die anlösbarkeit kann aber auch bedeuten, dass dicke ölfarbschichten die isolierung anlösen und langsam in den malgrund übergehen, so dass eine homogene farbhaut entsteht, zwischen pastosen und dünnen partien.

Jo, so sind meine persönlichen erfahrungen, aber ich hab leider auch nur erfahrungen mit dem plein-air. Ich will aber keinesfalls bestreiten, dass die von andreas vorgeschlagenen methoden für die ateliermalerei gut geeignet sind, wenn zeit keine rolle spielt...

Zum thema bolus und farbige malgründe schreib ich morgen was, weil ich denk, dass da andreas etwas pingelich geworden ist... :rofl:

Muss jetztmal meine tägliche skizze anfertigen und hab noch keine wirkliche idee...

lg hermann r.
:winken:

ich hoffe mal, ich hab nicht nur wirres zeug geschrieben und werde mit meine skizze noch fertig

:winken:


.

.

Nach oben 04.07.2011, 22:24 Nach unten

Beitrag  Re: Imprimitur, watn dat???
Hola Hermann,
also bevor wir uns ins maltechnische Schlachtengetümmel werfen, noch ein paar Erklärungen in eigener Sache. Da ich schon immer ein sehr neugieriger Mensch war und mich mit den üblichen Anleitungen, wie von Dörner oder Wehlte (mal ganz abgesehen von anderen Dilettanten, deren Entlarvung recht einfach fällt) abfinden wollte, habe ich lange Zeit selbst nachgeforscht und hauptsächlich während der Studienzeit so alles ausprobiert was in diesem Bereich möglich war. Dabei kam mir auch entgegen, das ich eine zeitlang im kunstwissenschaftlichen Bereich Seminare zu klassischen Maltechniken geben sollte, wozu ich meinen Einblick in diese Thematiken vertiefen musste, denn man glaubt gar nicht was dort für Fragen auf einen zukommen.

Bei all meinen praktischen wie auch theoretischen Studien der Maltechniken ist mir jedoch nach einigen Jahren etwas ganz klar geworden:
Es gibt keine oder die Anleitung zur perfekten Maltechnik! Die Maltechniken waren und sind einer kontinuierlichen und zeitlichen Entwicklung unterworfen. Während der Maler im Mittelalter und davor nicht als individueller Künstler angesehen wurde, sonder er war eingebunden in einer Werkstatt und angehörig einer Zunft mit strengen Reglementierungen, wurden doch die grundlegenden Erfindungen maltechnischer Art in dieser Zeit vollzogen. Danach jedoch entwickelten sich, auch durch die Gründung von den ersten Akademien in Italien im 16. Jh bedingt, die individuellen Künstlerpersönlichkeiten. Ab diesem Zeitpunkt werden die Werkstatttraditionen ersetzt durch individuelle Experimente einzelner Künstler, was sich bis in heutiger Zeit fortpflanzt. Also, nach dem Mittelalter trennt sich der Künstler vom Handwerker und damit beginnt auch die Zeit der Spezialisierung und der individuellen Handhabung von Maltechniken.

In diesem Forum geht es mir nicht darum die einzige wahre Maltechnik zu propagieren, was ich auch für Unsinn halte, sondern erst einmal bestimmte Begrifflichkeiten schlüssig zu erklären und aufzuzeigen woher diese Begriffe kommen. Die geschichtlichen Hintergründe mögen manch einem völlig egal sein, aber für mich sind sie nicht nur interessant, sondern auch unglaublich lehrreich. Darüber hinaus kann jeder für sich entscheiden, ob er diese oder andere Techniken in seine eigenen Arbeiten einfließen lässt. Mir geht es aber auch darum aufzuzeigen, das es in der Maltechnik bestimmte Gesetzmäßigkeiten gibt, die evolutionstechnisch gesehen oft durch Experimentieren herausgefunden wurden und das kann für jeden nur sehr hilfreich sein, den damit vermeidet man auch Vorkommnisse, wie diese hier:
Risse im Ölbild

Ich kann deine Einstellung gut verstehen, denn auch bei mir gab es Zeiten, in denen ich zu dieser Thematik, viel radikalere Meinungen vertreten habe und ich fand meine Tätigkeit als kleiner Alchimist auch sehr angenehm, aber ich sehe das heute alles ein wenig distanzierter. Während des Studiums hatte ich z.b. auch die Zeit mir eine puristische Einstellung zu leisten, während ich heute schon froh bin, wenn ich meine Keilrahmen nicht mehr selber herstellen muss. Leider verfüge ich über keinen Assistenten oder Werkstätte die mir zuarbeitet und ich kann es mir auch nicht leisten über Monate hinweg an einem Bild zu sitzen, denn dann müsste ich einen Endpreis verlangen, den keiner zu zahlen bereit wäre.

Einen erheblichen Dämpfer für meine puristische Einstellung ergab sich auch durch folgendes Experiment: für die Vorbereitung eines Seminars habe ich einmal eine Farbtafel hergestellt, mit den Grundfarben erster und zweiter Ordnung und deren Abstufungen zum Weiß hin. Dabei habe ich jeweils selbst angerührte Ölfarbe mit Pigmenten verstrichen und gekaufte Ölfarbe aus der Tube daneben. Die Tafel habe ich dann über ein halbes Jahr, ungeschützt nach draußen in die spanische Sonne gehangen. Natürlich war ich von einem radikalen Ergebnis zur Lichtechtheit überzeugt, auch als Argument für das Seminar, aber leider war davon selbst nach einem Jahr nichts zu entdecken.
Sicherlich kennst du auch das Maltraktat von Cennini „Libro dell'arte o trattato della pittura” mit seinen zahlreichen Rezepten, nun dieses Buch wird hauptsächlich von zwei Kunden gekauft, einmal vom Kunstgeschichtler und zum anderen vom Kunstfälscher.
LG :spanien1:
Andreas

Nach oben 05.07.2011, 01:47 Nach unten
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